Auswertung
(Statistischer Bericht)
der 2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen in Trebechovice/Tschechische Republik vom 17. bis 20. September 2010
von Dr. habil. H.-D. Langer, Niederwiesa
Einführung zum Anliegen der Kulturtagung
Die 2. Kulturtagung
Hussinetz/Strehlen stand unter dem Motto Religion und Krieg im Zeichen
des Kelchs und sollte den Zeitraum von Jan Hus zu Beginn des 15.
Jahrhunderts bis in die Gegenwart unter dem Aspekt der bäuerlichen
Emigration böhmischer Glaubens- und Wirtschaftsflüchtlinge zu
Beginn des 18. Jahrhunderts in das preußische Schlesien mit der
Gründung böhmischer Dörfer im Landkreis Strehlen
beleuchten und zugleich bedeutende zuordenbare Ereignisse in der
Folgezeit behandeln. Insbesondere ging es auch um die Folgen und Spuren
in der Region, die durch das Hussitentum historisch geprägt ist
und aus der die damaligen Emigranten einst gekommen sind. Deshalb
wurden Ostböhmen mit seinem Siedlungszentrum
Königsgrätz/Hradec Kralove als Exkursionsraum und die
einstige Hussiten-Stadt Trebechovice am Berg Oreb als Veranstaltungsort
ausgewählt, zumal sich hier eine bemerkenswerte ökumenische
Kultur einer Böhmischen Brüdergemeinde mit der Katholischen
Kirche heraus gebildet hat. Der persönliche Bezug der Teilnehmer
sollte zudem in vieler Hinsicht insofern hergestellt werden als sie
durch Vertreibung oder Reemigration ihre Heimat in Schlesien verloren
haben und nun auf der Suche nach ihren Vorfahren sind und um
gegebenenfalls die Nachfahren der wiederum einst in der böhmischen
Heimat verbliebenen Verwandten aufzuspüren oder sogar
persönlich kennen zu lernen. Eine Reihe von kulturellen
Veranstaltungen und Events sollte solche Kontakte anregen und zudem die
örtliche Bevölkerung auf das auch sie betreffende historische
Phänomen der Kulturinsel Hussinetz/Strehlen (heute
Gesiniec/Strzelin in Polen) aufmerksam machen und möglichst mit
einbeziehen.
Übersicht zu den Veranstaltungen
Das Gesamtprogramm gliederte sich in
* Internationales wissenschaftliches Seminar Hussinetz/Strehlen (2 Tage),
* Busexkursionen (2 Tage),
* Kulturveranstaltungen und Events (an allen 4 Tagen, einschließlich der Abende).
Im Seminar waren 20 Vorträge von
18 Referenten mit einer Dauer von je ca. 45 min geplant. Es fanden 18
Referate statt. Drei entfielen entschuldigt (Krankheit und Todesfall),
einer entfiel unentschuldigt. Dafür wurde 1 Vortrag
zusätzlich aufgenommen.
Die Beiträge wurden in deutscher
bzw. tschechischer Sprache gehalten und abschnittsweise jeweils in die
andere Sprache übersetzt. Dafür standen eine eigens
engagierte Übersetzerin und zudem freiwillig mehrere Teilnehmer
bzw. Referenten zur Verfügung. Teilweise wurden die Texte
zusätzlich - wie die Bilder ohnehin - mit Beamer auf eine
große Leinwand projiziert. Damit wurde insgesamt trotz der
Zweisprachigkeit eine sehr gute Kommunikation gewährleistet, was
nicht zuletzt durch eine durchgängig sehr disziplinierte
Aufmerksamkeit und Mitarbeit der Teilnehmer zum Ausdruck kam. Die
Programm-Blöcke und Pausen konnten zeitlich gut eingehalten
werden. Dafür sorgten die von der Christlichen Akademie
Trebechovice arrangierte und bezahlte Pausenversorgung ebenso wie die
Möglichkeit, das Mittagessen direkt im Veranstaltungshaus Cerny
Kun einnehmen zu können.
Die Tagung wurde vom
Bürgermeister der Stadt Trebechovice, Herrn J. Nemec,
eröffnet. Es folgten Begrüßungsworte der
Mitveranstalter Bundesheimatgruppe Stadt und Landkreis
Strehlen/Deutschland e.V. (Herr F. Tscherny, Mitglied im Vorstand) und
Christliche Akademie Trebechovice (Herr Dr. F. Capek, Pfarrer der
evangelischen Brüdergemeinde Trebechovice) und vom Moderator (Herr
Dr. Langer, Organisator der Kulturtagungen Hussinetz/Strehlen).
Es gab folgende Grußbotschaften:
Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich/Schweiz
Förderverein Petersgrätz e. V./Deutschland
Förderkreis Böhmisches Dorf in Berlin-Neukölln e.V./Deutschland
Bürgergemeinschaft Exulant Prag/Tschechien
Laut Teilnehmer-Liste (mehrere
Personen haben sich versehentlich an beiden Tagen eingetragen) waren
ca. 65 verschiedene Personen anwesend. Allerdings haben sich etwa 15
Menschen, die nicht den jeweils ganzen Tag anwesend waren bzw. nur
einzelne Vorträge hörten, nicht eingetragen. Ansonsten fiel
auf, dass die meisten Teilnehmer praktisch immer da waren, so dass der
Saal stets gefüllt wirkte und eine sehr interessierte
Atmosphäre herrschte.
Die stattgefundenen Referate der
Wissenschaftler und Heimatforscher verteilten sich auf die drei
anwesenden Nationen wie folgt (Ausfälle: 2x Deutschland, 1x Polen;
zusätzlich 1x Deutschland):
8x Deutschland,
8x Tschechien,
2x Polen.
Die Seminar-Teilnehmer gemäß Anwesenheitsliste kamen wie folgt:
22x aus Deutschland,
24x aus Tschechien,
2x aus Polen.
(Die Anzahl der auf der Anwesenheitsliste nicht verzeichneten Teilnehmer wird zu ca. 15 geschätzt.)
Im Seminar am 18.9. bzw. während
der Exkursion am 19.9.10 fanden jeweils besondere Events statt (in
Klammern die Anzahl der Teilnehmer):
* Die Paul-Ehrlich-Ehrung 2010 (45) wurde im Seminar am 18.9.10 verliehen an
Herrn Pfarrer Dr. Filip Capek für das hohe Engagement zur Vorbereitung und
Durchführung der 2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen
und an
Herrn Daniel Franzkowski für seine wissenschaftlichen
Qualifizierungsarbeiten (u.a. Bachelor-Arbeit an der Technischen Universität
Chemnitz) zu Hussinetz und den anderen „böhmischen“ Dörfern bei Strehlen.
* Auf dem Friedhof von Sveti wurde
ein von den Teilnehmern finanzierter Gedenkstein im Zusammenhang mit
der hier am 3. Juli 1866 stattgefundenen Schlacht von
Königsgrätz eingeweiht (ca. 60). Die Reden (zweisprachig mit
Übersetzung) zur Feier wurden gehalten vom
Komitee zur Bewahrung der Kriegsdenkmale von 1866/Tschechien (vertreten durch Herrn A. Chvojka in historischer Uniform)
Bürgermeister von Sveti (Herr J. Honc),
Pfarrer der zuständigen Kirchgemeinde (Herr J. Slegr),
Moderator der 2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen (Herr Dr. H.-D. Langer).
Die Inschrift auf der Tafel, die auf
Strehlener Granit befestigt und in die Friedhofsmauer eingelassen
worden ist, lautet in deutscher und tschechischer Sprache wie folgt:
Johann M. Fleger 1841-1866
aus Hussinetz/Schlesien
starb für Preußen und die
deutsche Nation hier in der Heimat seiner Vorfahren, die als
böhmische Emigranten im Jahr 1749 das Dorf
Hussinetz bei Strehlen in Schlesien
gegründet haben.
Johann M. Fleger
1841-1866
z Husince/Slezsko
zemřel za Prusy a německý národ v zemi svých předků, kteří zde jako čeští emigranti v roce 1749 založili vesnici Husinec u Strehlena ve Slezsku

Hervorzuheben ist, dass die
zahlreichen anwesenden Bürger von Sveti das Ereignis wie ein
kleines Volksfest gestalteten. Einen weiteren anschließenden
Höhepunkt bildete eine Führung des Pfarrers, Herrn Slegr,
durch die Kirche von Sveti, in der u.a. zu Beginn des 18. Jahrhunderts
nachweislich Einwohner von Sveti und Vsestary (zum Beispiel
Nikolaus Fleger und Maria, geb. Taraba) geheiratet haben, die im Jahr
1742 nach Schlesien emigriert und dort im Jahr 1749 Mitbegründer
des Dorfes Husynec/Hussinetz geworden sind.
Folgende weitere kulturelle
Veranstaltungen vereinigten Deutsche, Tschechen und Polen während
der 2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen (in Klammern geschätzte
Anzahlen der jeweiligen Teilnehmer):
* Ökumenischer Gottesdienst um
19.00 Uhr am 17.9.10 in der Kirche der Böhmischen Brüder zu
Trebechovice (75): Der Gottesdienst wurde geleitet von den Pfarrern
der Evangelischen Brüdergemeinde, Třebechovice pod Orebem,
Herrn Dr. F. Capek,
der Römisch-katholischen Gemeinde, Třebechovice pod Orebem,
Herrn V. Loukota,
der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder, Klaster nad Dedinou,
Herrn J. Hudec.
An der Orgel: Organist und Musiker Matthias Müller/Deutschland
Gesang: Sopranistin, Frau Dr. J. Szczepankiewicz/Polen
* Besuch des Krippenmuseums
Trebechovice (ca. 30) um 17.30 Uhr am 18.9.10 auf Einladung des
Bürgermeisters der Stadt, Herrn J. Nemec.
* Konzert um 19.00 Uhr am 18.9.10 in
der Katholischen Kirche Trebechovice (ca. 60), gestaltet vom
Ökumenischen Sängerchor Třebechovice und vom Organisten und
Musiker Matthias Müller/Deutschland.
* Orgelkonzert um 19.00 Uhr am
19.9.10 in der Kirche von Vsestary (ca. 45), gestaltet vom Organisten
und Musiker Matthias Müller/Deutschland mit Werken des Komponisten
Max Drischner aus Strehlen/Schlesien.
Außer den Events und Konzerten
erlebten am 19. und 20.9.10 die Exkursionsteilnehmer (jeweils ca. 30)
unter anderem folgende Höhepunkte:
* Besuch der musealen Erinnerungsstätte der Böhmischen Brüder, Haus Na Sboru, in Kunwald,
* Besuch des Comenius-Museums und
Stadtführung in Brandys nad Orlici auf Einladung des
Bürgermeisters, Herrn P. Tomasek,
* Führung im Schloss Opocno auf Einladung von Frau Gräfin Kristina Colloredo-Mansfeld,
* Stadtführung durch die
Altstadt von Königsgrätz/Hradec Kralove mit Herrn Prof. Dr.
M. Reznik, TU Chemnitz/Deutschland, der hier geboren wurde,
* Führung im Museum Chlum
(Schlacht bei Königsgrätz 1866) auf Einladung des Komitees
zur Bewahrung der Kriegsdenkmale von 1866/Tschechien.
Kurzbewertung
Es gab keine nennenswerten
Ausfälle im Gesamtprogramm. Fast sämtliche Termine konnten
exakt eingehalten werden, sieht man vom Ausfall (Busverspätung!)
eines geplanten Friedhofsbesuchs auf dem Berg Oreb in Trebechovice ab.
Die wissenschaftlichen Vorträge
im Seminar bewegten sich durchweg auf einem hohen Niveau und wurden
aufgrund der zweisprachigen Übersetzung und des Einsatzes
technischer Unterstützung (Mikrofon, Beamer) gut verständlich
den Teilnehmern aus drei Ländern übermittelt.
Das insgesamt kompakte Programm
erforderte von den Teilnehmern hohe Konzentration. Dass sie diese
Belastung aushielten, belegt ihre weitgehend konstante Anwesenheit in
allen Veranstaltungen. Der wichtigste Hinweis: Künftig mehr
Diskussionszeit einplanen.
Das Ziel der Veranstaltung wurde
insofern übertroffen, als es eine überraschend rege
Beteiligung der regionalen Bevölkerung gab. Auch ist erfreulich,
dass es sich tschechische Bürgermeister und Vorsitzende von
Vereinen und Einrichtungen/Kirchen in vielen Fällen nicht nehmen
ließen, selbst zu agieren und Kontakt aufzunehmen. Dies in
Verbindung mit teilweise exzellent präsentierten
Recherche-Ergebnissen der böhmischen Autoren im Seminar zeigt,
dass das historische Interesse an europäischen Prozessen auch in
der Tschechischen Republik groß ist. Die angebahnten Kontakte
deutscher, polnischer und tschechischer Wissenschaftler und
Heimatforscher dürften somit zahlreiche Impulse bekommen haben und
die Forschung zum Thema der Europäischen Kulturinsel
Hussinetz/Strehlen bündeln und beflügeln.
An der geplanten 3. Kulturtagung
Hussinetz/Strehlen 2012 in Deutschland (Motto: Kultur und Gesellschaft)
besteht reges Interesse.
F.M.
04.11.2010