Die Tragödie und der Segen
des Paul Hanusch und
die historische Hussinetzer Hochzeit aus der Sicht von Hans-Dieter Langer, Niederwiesa
Vorwort:
Dies ist ein Auszug aus einem in Arbeit befindlichen Buch des Autors
über seinen Geburtsort Husynec/Hussinetz/Friedrichstein/Gesiniec in Schlesien.
In der Bearbeitung für das Strehlener Heimatblatt wurde zwar die Ich-Form
belassen, doch auf die zahlreichen Literaturangaben verzichtet. Es sind zudem hier
nur einige wenige Bilder verwendet worden. Mit diesem Beitrag soll unterhaltsam
ein Stück Hussinetzer Geschichte lebendig werden.
Die hohe Kindersterblichkeit in der evangelisch-reformierten
Parochie Hussinetz
Fast jede Familie - übrigens nicht nur in den böhmischen Dörfern bei
Strehlen/Schlesien - wünschte sich eine große Kinderschar, denn die
Sterblichkeit war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überall sehr, sehr groß, und
eben insbesondere die der Kinder. Nur aus dieser tragischen Perspektive kann
man wohl den §3 des Traueredikts Friedrichs des Großen vom 3. Mai 1742 für
Niederschlesien überhaupt verstehen, in dem es (unter Strafandrohung von 100
bis 1.000 Reichstalern!) lautete: „Wenn
sie aber (die Kinder) unter zwölf
Lebensjahren sterben, sollen die Eltern überhaupt keine Trauer anlegen.“
Das Problem des vorzeitigen Dahinscheidens (bzw. der Todgeburt) steigerte sich
erwartungsgemäß bei Mehrlingen, die freilich so häufig auch in Hussinetz nicht
vorkamen. Allerdings macht gerade ein familiäres Beispiel aus meiner
Fleger-Verwandtschaft von sich reden und zudem einiges vom allgemeinen Leben
der Hussinetzer Gemeinschaft deutlich. In 3. Generation nach meinem aus Böhmen
nach Schlesien emigrierten Urvater mütterlicherseits, Nikolaus Fleger
(1710-1777), heiratete am 11. Mai 1890 der Obstpächter, Weber und Hausbesitzer
Wilhelm Fleger (1867-1940) seine Karoline, geb. Zucker (1868-1958), und freute
sich mit ihr im Laufe der Zeit über sehr viele Geburten. Wir erkennen hier zunächst
bei der Aufzählung der väterlichen Berufe die typische Überlebensstrategie der
Hussinetzer, die meistens Tätigkeiten in der Landwirtschaft bzw. im Handwerk
mit solchen in Heimarbeit kombinierten. Der „Hausbesitzer“ war dagegen nur ein
Statussymbol, das ihn vom „Auszügler“ unterschied, wenn damit auch die
Besitzverhältnisse zum Ausdruck kamen. Man wechselte lediglich zwischen diesen
beiden Positionen, wenn der Vater in die Jahre kam und dem Sohn bzw.
Schwiegersohn das Anwesen - später oft durchaus käuflich - übereignete. Man
lebte dann als „Inwohner“ einer Zweitwohnung im Dachgeschoss oder im Nebengebäude
unter deutlich bescheideneren Verhältnissen. Ein Nachfolger stand allerdings in
der Pflicht, seine Alten in vieler Hinsicht zu versorgen. Erfolgte der
Eigentumswechsel, wie gesagt, auf der Grundlage eines Kaufvertrages, so wurde
dies für die ehemaligen Eigentümer zusehends zumindest eine einmalige
Einnahmequelle. Im 18./19. Jahrhundert bedeutete es jedoch eher selten, dass
dieser „Hausbesitzer“-Status im wirtschaftlichen Sinne der steten Mieteinnahmen
von fremden Untermietern zu verstehen war, was sich jedoch nach 1900 zu deren
Gunsten auch in den böhmischen Dörfern bei Strehlen verschob.
Nun wieder zu den Fleger´s: Möglicherweise war die Freude anfangs etwas gedämpft,
weil der Kindersegen bereits am 2. März 1888 - also unehelich - mit einer kleinen
Emma Karoline begann. Das war mit zwei Jahren eine ungewöhnlich lange Zeitspanne
vor der Hochzeit. So reichte es sogar für eine zweite „illegale“
Schwangerschaft, die nun die beiden Tatverdächtigen offenbar endgültig in
gesellschaftlichen Heirats-Zugzwang brachte. Karoline und Wilhelm tauschten
jedenfalls 1890 in letzter Sekunde die Ringe. Zehn Tage später war es nämlich
schon wieder so weit, ein Wilhelm Friedrich kam zur Welt. Beinahe hätten wir also
gleich zwei uneheliche Kinder gehabt. Du lieber Himmel, Althussinetz, wo wäre
dann deine sorgsam gehütete Pietät abgeblieben? Doch in den Jahren bis 1913
steigerten sich die nunmehr legalen, freudigen Anlässe bei unseren Fleger´s
noch, und zweimal Zwillinge standen zudem der Karoline mitten in ihrer großen
Nachkommenschaft gut zu Gesicht, die sich zuletzt sogar auf die stattliche Zahl
von 16 (!) Geburten aufsummierte. Man musste allerdings zeitgemäß auch 6
Kindes-Todesfälle verkraften, darunter leider auch die aller Zwillinge. Während
der stark geforderte Vater dieser Kinderschar schon am 17. Juni 1940 „an Husten“ das zeitliche segnete, fragt
man sich besorgt, wie denn der Karoline diese biologische Großtat bekommen sein
mag. Nun, sie hat ihren Mann und die Wirren der Hussinetzer Nachkriegszeit noch
ganze 18 Jahre überlebt. Und sie kehrte nach dem 2. Weltkrieg mit vielen
Gleichgesinnten freiwillig zurück ins „Land ihrer Väter“, wo sie als hoch betagte
90jährige im tschechischen Kynsperk verstarb.
Inzwischen heiratete am 26. Mai 1895 ein weiterer Fleger, indem erneut ein
Wilhelm (1872-1956) - jetzt mit einer Anna Maria, geb. Libal (1871-1959) - vor
den schlichten Hussinetzer Altartisch trat. Von ihnen beiden wurden in den
Jahren 1895 bis 1912 insgesamt 10 Geburten aktenkundig, davon auch einmal
Zwillinge. Diese und vier weitere Kinder wurden aber tot geboren bzw.
verstarben im ersten Lebensjahr. Es erreichten somit nur vier Geschwister das
Erwachsenenalter.
Der erstgeborene Sohn, Friedrich Wilhelm (1895-1952), übernahm dann den
genetischen Staffelstab von den Eltern und deren Vorfahren. Seine Frau Maria
(1895-1952), geb. Lacina, die er am 18. Februar 1917 heiratete, brachte in der
Zeit bis 1938 insgesamt ebenfalls 10 Kinder zur Welt. Darunter waren zunächst
auch in Hussinetz äußerst seltene Drillinge, die aber alle - wie übrigens auch
zwei weitere Einzelkinder - tot geboren wurden. Nun kam es im Jahr 1925 zur
Geburt von Zwillingen, wovon jedoch ein Kind tot zur Welt kam und das zweite
bald verstarb. Schließlich meldeten sich im Jahr 1938 noch einmal Drillinge, und
von diesen überlebte zunächst wenigstens ein Kind. Aber der kleine Heinz Werner
schwächelte von Anfang an. Nach sieben Jahren war auch seine Kraft am Ende,
zumal ihm die Entbehrungen der Kriegsjahre offenbar hart zusetzten.
An so einer erschütternden Stelle schaut man natürlich wieder besorgt auch auf
das Schicksal dieser Mutter: Aber Maria wirkte zunächst ebenfalls ganz stark.
Sie gebar zwar nun keine Kinder mehr, doch an der Seite ihres Friedrich Fleger
überstand auch sie die Umsiedlung und den durchaus schwierigen Neuanfang im
damaligen Tschechien. Die Trauer um das böse Schicksal der ganzen Familie
forderte dann aber wohl doch ihren Tribut: Viel zu zeitig verstarben beide
bereits im Jahr 1952.
Das Charakteristische bleibt somit die hohe Kindersterblichkeit. Wir wollen
einmal aus meiner familiären Hussinetzer Umgebung ein weiteres, einschlägiges
Exempel betrachten, das sich im Vergleich - auch für mich überraschend - leider
ebenfalls als typisch für das ganze Dorf der damaligen Zeit erwies. Und zwar
sprechen wir das Schicksal der Familie von Paul Hanusch an, um das sich
durchaus originelle Ereignisse im Leben der Dorfgemeinschaft ranken, die es
sich lohnt, auch einmal ganz allgemein zu hinterfragen.
Paul Hanusch (1681-1768) nannte sich in Böhmen - und anfangs auch noch in
Hussinetz - Pawel Hanuß, siehe seine Unterschrift etwa um 1749 im Bild 1.

Bild 1: Eigenhändige
Unterschrift des Paul Hanusch (Pawel Hanuß)
Paul wollen wir ihn nennen, denn als solcher firmierte er später gemäß
preußischer Staatsbürgerschaft. Er wurde 1681 im ostböhmischen Ceske Rybne
geboren. Wie Nikolaus (auch hier die Verdeutschung des böhmischen Mikulas) Fleger
gehörte Paul Hanusch zu den Begründern von Hussinetz und ist ebenfalls einer
meiner Urväter, was seine Lebensgeschichte zeigen wird. Als untrügliches
Zeichen seiner Anwesenheit im Dorf von
Anfang an (Gründungsjahr: 1749) können wir die Urkunde vom 26. Dezember 1751 in
Bild 2 betrachten.

Bild 2: Vereinbarung zu
einer Landaufteilung in Hussinetz aus dem Jahr 1756, den
Siedler
Pawel Hanusch betreffend
Darin ging es für ihn um einen Regulierungsvertrag in Bodenangelegenheiten.
Damals, bei der Dorfgründung, gehörte er mit 68 Jahren auf jeden Fall zu den
Ältesten im Ort, und man wird seine Meinung beim Aufbau von Hussinetz unter
jenen schwierigen Bedingungen sicher sehr geschätzt haben. Und das war immerhin
noch ganze zwanzig Jahre lang möglich, den Paul starb dort im hohen Alter von
87 Jahren erst am 18. August 1768. Da war Hussinetz im wesentlichen aufgebaut.
Man müsste somit annehmen, dass Paul´s Gene auch eine lange Lebensdauer seiner
Nachkommen garantieren sollten.
Paul alias Pawel kam nämlich seinerzeit zwar als alter Mann nach Strehlen, doch
nicht mit leeren Händen, sondern mit der Hoffnung, dass einst seine zahlreichen
Kinder und Kindeskinder sein Lebenswerk fortsetzen würden. Niemand konnte es
freilich ahnen, dass ihm dies erst so richtig mit Hilfe meiner anderen
Hussinetzer Vorfahren gelingen sollte. Es ist kurios und eben der hohen
sonstigen Sterblichkeit zuzuschreiben, denn diese meine Verwandtschaft mit den
Hanusch´s ergab sich zudem erst in einem zweiten Anlauf. Darauf kommen wir
weiter unten noch zurück, denn wir müssen jetzt erst einmal schauen, wie es
seinem Erstgeborenen und eigentlichem Stammhalter erging. Paul brachte nämlich
seinerzeit unter anderem den inzwischen 30jährigen Sohn, Jirik I. (1719-1762),
über Münsterberg mit nach Hussinetz. (Um der seinerzeit weit verbreiteten
Gleichnamigkeit zu begegnen, führen wir die zur Generationen-Unterscheidung
übliche Nummerierung mit römischen Zahlen ein.) Jirik I. heiratete am 20. Juni
1751 - also noch mitten in der Aufbauphase des Dorfes - voller Elan seine Marie
(1730-1801), geb. Podhaisky. Mit ihr wurde er stolzer Vater von fünf Kindern,
doch dann ist er bereits mit 43 Jahren verstorben. Dieses erste Unglück mag Vater
Paul noch persönlich mit Fassung überstanden haben, denn gemäß oben genanntem königlichem
Edikt durfte er als Mann unter Strafandrohung ohnehin nur maximal ein halbes
Jahr lang offiziell trauern.
Nun, der arme Jirik I. ist wohl auf seine Art durch den frühen Tod noch viel
größerem Elend ausgewichen. Und das kam so: Es geht zunächst um seine im Jahr
1752 erstgeborene Tochter Maria (1752-1782). Jirik I. erfreute sich bis zuletzt
an seinem Glückskind, also immerhin bis zu dessen 10. Lebensjahr. Maria wuchs
dann ohne Vater zu einer begehrenswerten, reifen Frau heran und musste von
meinem Urvater in zweiter Generation, Jan Fleger I. (1749-1787), vielleicht
erst im Handstreich erobert werden. Sie heirateten jedenfalls - was bis dahin
für das Dorf höchst ungewöhnlich war - erst in Maria´s 28. Lebensjahr am 11.
Mai 1779 in Hussinetz. Pünktlich traf sogleich ihr erstes Kind ein: Wieder ein
Jan (1780-1781), und schon in der traditionellen Namensgebung verrät sich der ganze
Stolz der Eltern. Aber der kleine Jan II. - in böhmischer Manier wird man ihn
wohl kosend Janek oder gar Januschek (zu deutsch Hänschen) genannt haben - verstarb
bereits im ersten Lebensjahr. Bei einer nachfolgenden Zwillingsgeburt am 24.
Januar 1782 starben dann nicht nur die Babys, sondern auch noch die Mutter,
wodurch diese Jirik-Hanusch-Linie endgültig tragisch endete. Und es war also
auch mein Jan Fleger I. im Alter von 33 Jahren und nach nur 3jähriger Ehe
wieder ganz allein auf der Welt, ein überaus schlimmer und auf Dauer
unhaltbarer Zustand für einen Hussinetzer Bauern in Aufbruchstimmung!
Noch böser erging es aber einstweilen der Familie der zweiten Tochter von Jirik
Hanusch I., Katerina (1762-1797). Sie heiratete am 21.Januar 1783 in Hussinetz
einen Jiri Woytech (1746-1802). Zusammen bekamen sie immerhin 6 Kinder. Das
ersehnte erste Baby, obendrein zur großen Freude der Eltern ein Stammhalter und
wieder mit dem beliebten tschechischen Namen Jan bedacht (zu deutsch also Hans),
starb im Jahr 1785 schon bei der Geburt. Das war aber nur der Anfang einer lang
anhaltenden Familienkatastrophe. Die folgenden Kinder Gottlieb (1788), Gottlieb
George (1789) und Anna Maria (1792) sind nämlich alle kaum ein Jahr alt
geworden. Dann bekamen die geplagten, trotz allem noch immer hoffnungsvollen
Eltern im Jahr 1794 ihr zweites Mädchen - sie nannten es beschwörend schon vor
der Geburt Anna Maria, also wie ihre so jung verstorbene Schwester - doch dann
starb auch dieses kleine Menschlein während der Geburt. Fünf Kinder, und keines
überlebte! Nun ruhten natürlich alle Hoffnungen auf George Gottlieb - man spürt
auch in der sich wiederholenden Namensgebung das existenzielle Ringen der
Eltern - der im Jahr 1796 dann das Hussinetzer Licht der Welt erblickte. Der
kleine Sonnenschein, zudem doch wieder ein ersehnter Stammhalter, wuchs
tatsächlich heran, doch kaum einjährig, ereilte auch ihn die Sense des
unbarmherzigen Todes. Damit waren offenbar auch die Kräfte der inzwischen
35jährigen Mutter am Ende. Katerina I. starb 1797, also ganz kurz danach „an Durchlauf“, wie es in den
Kirchenbüchern heißt. Auch ihren Ehemann, Jiri Woytech, traf ein letztes
Unglück im besten Mannesalter von 51 Jahren. Er konnte den Untergang seiner
Familie wohl nie verschmerzen, wurde melancholisch und unaufmerksam. So ereilte
auch ihn das Schicksal, denn „ein Unfall
im Schobergrund hinter Nimtsch“ setzte fünf einsame Jahre später auch
seinem Leben ein Ende.
Wie man sieht, war unser Jirik Hanusch I. ja nun wirklich glücklos, denn auch
seine vierte Tochter, Rosina Alzbeta, überlebte ihr Geburtsjahr 1757 nicht. Was
half es ihm, wenn die zwischenzeitlich auch noch geborene Dorotha (1754-1827) -
freilich erst nach seinem eigenen Ableben - das Erwachsenenalter erreichte und
eine leider auch noch kinderlose Familie mit Waclaw Sowak (1753-1830) in
Niederpodiebrad gründete, wo er doch zwar das Leben, aber eben auch das Sterben
seines einzigen Sohnes Jirik II., im Jahr 1762 kurz vor seinem eigenen Ende,
noch verkraften musste und keines Enkelchens Stimme die furchtbare Traurigkeit
übertönte? Der ältere Jirik I. hat es somit nicht geschafft, und man wird
annehmen dürfen, dass sein früher Tod in eben jenem Trauerjahr 1762 gerade
diesem endgültigen Untergang seiner Namenslinie geschuldet ist.
An diesem tragischen Punkt müssen wir uns freilich der Tatsache besinnen, dass
Paul Hanusch´s Manneskraft über seinen Sohn Jirik I. hinaus reichte, denn er
blieb ja auf allen drei Stationen seines langen Lebens einschlägig nicht
untätig. Den Jirik I. zeugte er mit seiner namentlich unbekannten Ehefrau
bereits in Böhmen, also lange vor der Emigration. Dort kamen zudem drei weitere
Jungen zur Welt. Zwei überlebten allerdings die hohen Belastungen der
Emigration und des äußerst schweren Anfangs in Schlesien nur bis Mitte 1742.
Das war dann also schon in Paul´s zweiter Lebensstation Münsterberg, und man
muss vermuten, dass eine ansteckende Mangelkrankheit beide dahin gerafft hat. Denn
in Münsterberg waren für alle Emigranten sieben Jahre Hunger und Elend
angesagt. Somit blieben damals, zudem als echte Böhmen, nur der ältere Jirik I.
und der erst 1740 geborene Waclaw übrig. Inzwischen wurde aber Paul´s erster
Schlesier geboren: Ein kleiner Jan Jacub kam 1743 in Münsterberg zur Welt. Es
nützte diesem aber nicht, dass er noch von dem umstrittenen Prediger Ondrey
Macher in dessen kurzer Amtszeit getauft worden ist - seine streng lutherische
Orientierung passte dem hussitisch gesinnten Vater ohnehin nicht - die
Lebensdauer dieses Sohnes betrug nur wenige Monate.
Auch der echte Tscheche Waclaw wurde freilich nur 36 Jahre alt, denn ein „hitziges Fieber“ raffte ihn bereits am
14. Dezember 1776 hinweg. Er unterstützte bis dahin aber immerhin und besonders
intensiv - weil unverheiratet und kinderlos - ganze 27 Jahre lang den Aufbau
des Familienanwesens in Hussinetz. Sein trotzdem viel zu zeitiger Tod wird die
Familie Paul Hanusch wieder an die tiefen Wunden erinnert haben, die vor allem
schon die zeitigen Ableben ihres jeweils erstgeborenen Sohnes bzw. Enkels (die
beiden Jirik´s) vor nun schon über 14 Jahren verursachten.
Doch es passierte ja noch zwischendurch etwas sehr Erfreuliches, denn Paul´s
Nesthäkchen Katerina II. (1749-1837) - nicht zu verwechseln mit des älteren
Jirik´s gleichnamiger Tochter - wurde auf seiner dritten Etappe, d.h., in
Hussinetz geboren. Man kann somit feststellen, dass Paul Hanusch auf allen
seinen Lebensstationen seine Männlichkeit bewies, um schließlich erst ganz
zuletzt überlebensfähigen weiblichen Scharm in die Welt zu setzen. Die
schlesische Katerina II. hat es ihm gedankt, indem sie ihrem Vater noch fast 20
Jahre Freude bereitete und dann die zweite Hanusch-Generation bis weit ins 19.
Jahrhundert mit in die Zukunft fort trug. Sie begründete nämlich in Hussinetz
am 18. Oktober 1768 - also exakt zwei Monate nach ihres Vaters Heimgang - mit
Frydrych Duschek (1743-1806) aus Mittel-Podiebrad eine Familie mit sagenhaften
9 Kindern. Da nun wiederum ihr Mann schon im Jahr 1806 das Zeitliche segnete,
sorgte sie sich noch volle 31 Jahre lang allein um das Wohl und Wehe ihrer
Nachkommen. Selbstverständlich blieb auch sie nicht von weiteren
Schicksalsschlägen verschont, denn ihr zahlreicher Nachwuchs erreichte nur in
vier Fällen das Erwachsenenalter. Die fünf anderen gingen im zarten Alter von
ein bis fünf Jahren von ihr, und ihre erwachsene Tochter Alzbeta (1781-1833)
folgte ihnen sicher ebenfalls viel zu zeitig. Dann aber traf es auch Marye
(1769-1836), ihre älteste Tochter, die ihr in allen Lebensphasen so hilfreich
und verständnisvoll beigestanden hatte. Dass Katerina auch dies noch erleben
musste, mag ihre Lebenskraft entscheidend geschwächt haben. Trotzdem, als sie
wenig später, nämlich am 24. November 1837, in Mittel-Podiebrad 88jährig „an Bruststechen“ starb, dürfte sie auf
dem Sterbebett auf ihr Lebenswerk überaus stolz gewesen sein: Das waren vor
allem - neben den Töchtern Alzbeta und Marye - ihre Söhne Matey (1773-1847) und
Stephan Carl (1787-1841).
So traurig im Hinblick auf die geringe Überlebensfähigkeit insbesondere der
Kinder diese Ereignisse daher kamen und so hoffnungsvoll oft trotzdem noch
männliche Nachkommen wenigstens den Stamm gehalten haben, so erfuhren wir zu
Paul und seinen unmittelbaren Nachkommen im Grunde genommen nur eine
durchschnittliche Familiengeschichte aus unserem Hussinetz und den anderen
böhmischen Dörfern rund um Strehlen in der Gründerzeit des 18. Jahrhunderts.
Die eigentliche Entdeckung eines meiner
Urväter: Pawel Hanusch
Wir stellen allerdings nun in Katerina Duschek, geb. Hanusch, und ihrem Mann
Frydrych bzw. unmittelbarer in ihrem gemeinsamen Sohn Matey Duschek eine
neuerliche Kreuzung der Hanusch-Bahn mit der anderer meiner Vorfahren fest. Und
das trug sich so zu: Matey schmiedete am 16. November 1794 in Mittel-Podiebrad
mit Marya (1772-1860), geb. Poschik, sein Eheglück, aus dem einmal mehr sechs
Kinder hervor gingen. Fünf davon, die zwei Mädchen, Anna Maria (1796-1862) und
Anna Elisabeth (1801-1878), sowie die Jungen Johann Gottlieb (1798-1870),
Matthias Friedrich (1804-1888) und Friedrich Johann (1810-1855), erreichten das
Erwachsenenalter. Man findet ihre familiären Lebensräume in Hussinetz sowie in
Mittel- und in Niederpodiebrad, was ein Zeichen dafür ist, dass die alte
Hussinetzer Dorfgemeinschaft nun allmählich stärker in die Umgegend
ausstrahlte. Diesen anhaltenden Trend in Stadt und Landkreis Strehlen kann man
gerade an den Namen Duschek und Fleger gut ausmachen, die es dort im
Erfassungsjahr 1935 zusammen auf 114 (!) ansässige Familien in mindestens 9
Ortschaften brachten. Sie waren übrigens alle miteinander verwandt, weil sie
sämtlich von den Hussinetz-Gründern Tobias Duschek bzw. Nikolaus Fleger
abstammten. Nun, Marya Duschek überlebte ihren Mann (gestorben „an Husten“) um 13 Jahre, und dann sogar
noch ihren Sohn Friedrich Johann (gestorben „an Krämpfen“) um 5 Jahre, doch hinterließ letzterer eine weitere
Familie, die wir nun weiter verfolgen und mit der Hussinetzer Geschichte
verbinden wollen.
Friedrich Johann hatte am 23. November 1834, in Mittel-Podiebrad wohnend, die
Hussinetzerin Anna Rosina Katscher (1808-1894) geehelicht. Vielleicht mussten
sie das tun, denn es ereignete sich vermutlich im Überschwang der Zuneigung erneut
ein für die damalige Zeit immer noch bedenklicher Unfall: Das Baby Anna Johanna
kam in Hussinetz zwei Jahre zu zeitig, also höchst unehelich zur Welt! Oje, das
gab ein Getratsche im Land, und der gute Pfarrer Josef von Tardy - er nahm
diese bedeutsamste Hussinetzer Funktion in den langen Jahren 1825 bis 1874 ein
- suchte sicher Hände ringend um christliche und weltliche Erklärungen. Letztlich
musste Friedrich Johann als Ehemann das Kind nachträglich als das seine
anerkennen, was dann wohl - zumindest aus heutiger Sicht - wie ein fruchtbarer
familienpolitischer Befreiungsschlag wirkte: In den Jahren 1834 bis 1847
sammelte sich nämlich die stattliche Schar von sechs weiteren Kindern in
Mittel-Podiebrad an! Einem davon kam schlussendlich die Schlüsselrolle zur Korrektur
der Bahn der inzwischen legendären Hanusch-Mission zu, damit sich jene mit der
meiner Fleger-Vorgänger nicht nur kreuzte, sondern dass dabei sogar ein
nachhaltiger Volltreffer erzielt werden sollte. Doch dazu bedurfte es freilich
noch einmal eines Vermittlers, der sich in Form des Stammhalters der
vorgenannten Duschek´s fand: Johann Friedrich (1839-1922).
Johann
Friedrich führte nämlich seine Maria Charlotta Lacyna (1841-1916) am 1.
November 1863 - Wohin sonst? - ins Hussinetzer Heim. Und woher kam sie?
Natürlich auch aus Hussinetz, so dass die alte Ordnung des dörflichen
Zusammenhangs wieder voll zur Geltung kam. Aus dem wiederum großen - weil
langjährig (1862 bis 1884) und zudem umfänglich entwickelten - siebenzähligen
Nachwuchspool ging jetzt endgültig Anna Maria (1869-1946), meine Großmutter
mütterlicherseits, hervor, denn sie vermählte sich am 28. November 1897 mit
Gustav Albert (1873-1938) aus meiner direkten Fleger-Linie. Auf diese beiden
Großeltern kommen wir selbstverständlich noch mal zurück, denn wir wollen mit
ihnen Hussinetzer Hochzeit feiern.
Beinahe hätten wir freilich in der Euphorie des Geschehens ein weiteres
bedeutsames Ereignis übersehen, das nun wirklich zum Nachdenken zwingt. Schon
wieder war ein Baby vorzeitig durchgerutscht: Eine kleine Charlotta Maria trat,
was so nicht hätte sein dürfen, mit einem verwunderten Schrei schon im Jahr
1862 - also eigentlich unendlich lange vor der Hochzeit der Eltern - an die
Öffentlichkeit. Peinlich, peinlich, lieber Gott (wir erinnern an den Pfarrer)
und werte Hanusch´s, Duschek´s, Lacyna´s und vor allem Fleger´s! Ob die daraus
folgende gesellschaftliche Schockwelle zur einstweiligen Enthaltsamkeit der Erzeuger
für den anschließenden, ungewöhnlich langen Zeitraum von fünf Jahren führte?
Wir werden es nie erfahren, doch auch diese Zeitspanne verging, und nachdem
dann mal wieder ein Johann Friedrich im Jahr 1867 geboren ward - er starb
freilich leider bereits 1876 „an der
roten Ruhr“ - wurde im Bett der Duschek´s nachweislich wieder ordentlich
und zeitgemäß gearbeitet.
Man schreckte ja damals im bewusst und in Friedrichs des Großen Gnaden
abgeschotteten Dorf nicht einmal vor erbbiologisch bedenklichen Abenteuern
zurück, denn unsere oben genannte Charlotta Maria Duschek heiratete 1904 in
zweiter Ehe, also im fortgeschrittenen Alter von 42 Jahren, den ebenfalls schon
ganz schön betagten Traugott Duschek (1860-1933) im Standesamt Göppersdorf, kirchlich
zu Steinkirche gehörig, der als „Gasthofbesitzer
Landwirt“ aktenkundig geworden und in der Erinnerung geblieben ist, wie
noch weiter unten anzumerken sein wird. Vielleicht ist es ganz gut so, dass aus
dieser riskanten Duschek-Duschek-Mischung keine überlebensfähigen Kinder hervor
gegangen sind. Da sich aber die Duschek- und die Fleger-Sippen nun einmal auf
letztlich angenehme Weise sehr viel näher gekommen sind, fanden zahlreiche
weitere familiäre Begegnungen statt. Es ereignete sich jenes überaus
charakteristische gesellschaftliche Phänomen von Althussinetz, das sogar in der
männerlosen Gemeinschaft während und nach dem 2. Weltkrieg noch einmal kurz
auflebte: Man traf sich regelmäßig, und zwar vor allem sonntags. Die einst
biblisch verordnete und von den bäuerlichen Hussiten sehr ernst genommene
Arbeitsruhe an diesem Tag wurde über die Zeiten konsequent eingehalten, sieht
man einmal vom Vieh ab, das natürlich zu füttern und auch sonst wie zu
versorgen war. Irgendwann, vor allem am Nachmittag, zog jedenfalls seit
undenklichen Zeiten beim Hussinetzer Bauern sonntägliche „Ruhe“ ein. Und dann
zwitscherten auch schon die Gäste herbei. Was heute Zeitung und Fernsehen tun,
das besorgten damals in regelmäßiger Folge die lieben Verwandten bei ihren
sonntäglichen Begegnungen. Waren das nicht - gemessen am Verhalten heutiger deutscher
Dorfgenossen, die regelmäßig am Sonntag um 14.00 Uhr die Kettensäge zünden, den
Benzinrasenmäher anwerfen oder den Bohrhammer betätigen - noch wirkliche
Kulturmenschen?
Am Sonntag vor der Hochzeit in Hussinetz
Ein ganz besonderes kulturelles Fleur hatten natürlich die Hochzeiten. Anstatt
in der Disco, lernte sich nämlich genau dort und nur dort die Dorfjugend
wirklich kennen. So traf Amor´s Pfeil mitten in der Vorbereitungsphase zur
Hochzeit meiner Großmutter Anna Maria Fleger (1869-1946), geb. Duschek, ihren
Bruder, den im Jahr 1878 geborenen Steinarbeiter Julius Johann Duschek. Wenn
das für uns nicht eine willkommene Gelegenheit ist, dem Julius Johann neugierig
über die Schulter zu schauen, um zu sehen, was da so an einem Sonntag vor der
Hochzeit ablief!
Gar mancher Dorfbewohner war von der Schwere der Arbeit unter der Woche
gezeichnet, und man sehnte sich nach der verordneten Pause. So hatte der im
Jahr 1864 zu Hussinetz geborene Bauunternehmer Friedrich Wilhelm Moses - der
einst als Maurer und Steinarbeiter begann - in diesem Jahr auf eigene Kosten
den Granitsteinbruch im Ortsteil Zwölfhäuser erschlossen. Dort wurde nun schon
lange bis zum Umfallen geschuftet, und das riesige Granitloch wuchs sichtlich
in allen Richtungen. Das empfand die Bevölkerung natürlich nicht als Belastung,
denn es bedeutete Verdienst und Brot für viele Menschen aus der ganzen Gegend!
Allerdings lief das Geschäft am Ende des 19. Jahrhunderts aus Konkurrenzgründen
zum großen Strehlener Steinbruch bald nicht mehr so gut, es wechselten die
Besitzer, und um 1930 erfolgte die Stilllegung. Nun wurde der ständige Wassereintritt
nicht mehr eingedämmt. Der Zwölfhäuser-Bruch ist im wahrsten Sinne des Wortes
ersoffen. So entstand die einzigartige Hussinetzer „Badeanstalt“, in deren
kristallklarem, tiefen Wasser nachher ganze Kindergenerationen das Schwimmen
gelernt haben, so auch ich. Ich lernte dort zudem als 7jähriger, aus 6 m Höhe mutig
vom Felsen ins Wasser zu springen. Deshalb gab es für mich später kein Problem,
als angehender Sachse und Zweitklässler meinen Schulkameraden zu zeigen, wie
man zum Beispiel in Großschönau mit dem Kopf voran vom 10 m-Turm springt. Keine
Frage, das war mit entscheidend dafür, dass aus dem „Polacken“ wieder ein in
der Altersgruppe (ich allerdings ein gutes Jahr älter als die damaligen
Klassenkameraden) anerkannter Deutscher wurde.
Es war also am letzten
sonntäglichen Ruhetag vor der Vermählung (28.11.1897) von Anna Maria aus
Hussinetz mit Gustav Albert Fleger (1873-1938) aus Woiselwitz. Die Kälte
dampfte im Morgengrauen der aufkommenden Sonne. Nachts hatte sich ein Hauch von
Winter auf die Landschaft gelegt. Die zarte Schneedecke war jedoch durchlässig,
und der leichte Frost klopfte sogar an den im Gras unsichtbaren Behausungen der
Regenwürmer an. Die wurden sofort aktiv, indem sie ihre Außentüren schnell noch
öffneten, bevor der raue Besucher alles in undurchdringliche Starre versetzen
konnte. Das war zwar für Würmer mit aufwendigen Erdbewegungen verbunden, doch
benötigte man in den Röhren der unterirdischen Bauten einstweilen noch
Frischluft. Wer weiß, wann eine dickere Schneedecke wieder für den nötigen Luft-,
aber auch Wärmestau sorgen würde. Also war die ganze Nacht hindurch von innen zu
bohren und zu schieben.
Julius Johann spürte jedenfalls diese charakteristisch aufgeworfenen Erdkrumen,
doch ging der Aufschrei der Würmer unter im frostigen Knirschen unter seinen
Füssen. Dafür hörte er bereits das Stimmengewirr vieler junger Leute im Inneren
des Hochzeitshauses, dessen geschmückte Pforte ihn nun mit einem heftigen
Gegenstoß von wohliger Wärme aufnahm. Man traf sich schon in der Frühe, um
Kränze zu winden, sich zu necken und miteinander zu scherzen und ... um sich nach
einer passenden Jungfer umzusehen, mit der man sich als noch freier Mann
anfreunden und die man dann sogar wenigstens auf vier Wochen bei ihren Eltern
„ausborgen“ konnte. Manchmal war das echter Probebetrieb, manchmal blieb es bei
einer lustigen Episode, denn es gab auch Spielregeln. Wer jedenfalls nicht
schnell genug war, wurde gnadenlos auf Zeit „verkuppelt“. Das Prinzip lautete
dann „dem ältesten Junggesell die älteste Jungfer“. Da waren Betroffene nicht
immer ganz so hell begeistert.
Für Julius Johann bedeuteten bis jetzt solche Ereignisse auf jeden Fall
völliges Neuland, um nicht zu sagen dünnes Eis. Er war zwar ein stattlicher und
umgänglicher Typ, doch bis dato eher nicht sonderlich feminin gesinnt. Es
gelang ihm stets, ähnlichen Gelegenheiten mit Hinweis auf seine Jugend oder
sonst was aus dem Weg zu gehen. So konnte er sich voriges Jahr bei einem
ähnlichen Anlass noch drücken, doch nun, wo seine Schwester heiratete? Zudem
hatte diesmal der Vater mit einer Drohgebärde eingegriffen: Du kriegst mal keine
Frau, hieß es! Selbst durch Julius Johann ging da ein Besinnungsruck, denn das
war ihm auch bewusst, wer in Hussinetz anerkannt werden wollte, hatte zu
heiraten und Kinder, viele Kinder zu bekommen. So trat er nach kurzer Flucht in
der morgendlichen Dunkelheit als einer der letzten, aber immerhin, wieder in
sein Elternhaus, um an der Vorfeier zur Hochzeit seiner Schwester teilzunehmen.
Zur Begrüßung schlug ihm das typische Getöse einer bereits leicht angetrunkenen
Schar entgegen. Es roch schon jetzt nach den Geistern von Saffran, Preiselbeer,
Pfefferminze und Ingwer, deren Extrakte die Eltern des Hochzeitspaares quasi
hektoliterweise das ganze Jahr hindurch nach dem Kochen in besonders großen
Töpfen und nach weiterem Zubereiten in zahlreiche Flaschen und „Krucken“
(Krüge) hinein gezaubert hatten. Dazwischen krochen Schwaden, die an das
Fleischerhandwerk erinnerten, von dem die meisten Hussinetzer selbstverständlich
etwas verstanden: Mittags gab es nämlich Bratwürste, und alles schön fettig,
aber auch knackig, bitte schön, wie ich es auch heute noch liebe.
Doch weiß der Himmel wie es kam, der vor Dunst und Scham halb betäubte Julius
Johann stolperte plötzlich und geriet - natürlich rein zufällig - in eine
weiche Wolke zart-weiblicher Umfassung. Irgendwie spürte er wohl bereits in der
raffinierten Art und Weise der Reaktion des Auffangkörpers, dass es um ihn
geschehen war. Denn die 20jährige Anna Charlotte Fleger (1878-1903) ließ den vorerst
19 Jahre jungen Duschek-Gegenstand, der ihr da entgegen flog, nicht gleich
wieder los. (Sie ließ ihn übrigens nie wieder los, und er ward darob glücklich,
bis ans Ende seiner Tage.) Jedenfalls fixierte sich spontan auf beiden Seiten ein Band, das quasi
von unendlicher Dauer war. Wir wissen nicht genau, ob es um Liebe auf den
ersten Blick ging, doch es gab zweifelsfrei seither anhaltend wechselseitige
Beziehungsschwingungen, die ganz bestimmt nicht nur rein esoterisch verstanden
worden sind, denn am 26. Dezember 1903 kam es zur erneuten
Duschek-Fleger-Vereinigung vor dem schlichten Altar der heimischen Kirche in
der Altstadt zu Strehlen.
Folgt man nun der Zeit in dieser 6. Hussinetzer Generation, so wurden von unseren
Neuvermählten ganze 10 Kinder gezeugt, so dass es sichtlich zu einem weiteren
beachtlichen Ausbreitungsimpuls des Duschek-Namens in der ohnehin schon recht namensarmen
Hussinetzer Region kam. Wie wir oben erwähnten und man später noch sehen wird,
schlug der Fleger-Clan zurück, und so schaukelten sich die Duschek- und die
Fleger-Populationen dahin gehend noch gegenseitig so auf, dass sie - wie gesagt
- rund um Strehlen in vielen Ortschaften angesiedelt waren, und die Fleger´s mit
19x (anteilsmäßig also 11 %) noch vor den Duschek´s mit 18x in Hussinetz unter
allen 170 Namen am häufigsten vorkamen. Bei ca. 30.000 Namen in den
Kirchenbüchern der gesamten Parochie Hussinetz ist Duschek (909x) allerdings der
mit Abstand häufigste (Fleger „nur“ 228x), und man erkennt im Stadt- und Landkreis-Adressbuch
zu 1935, dass die Duschek-Sippe außer in Hussinetz (ca. 10 %) noch in Strehlen mit
immerhin rund 1 %, in Töppendorf mit etwa 5 % und in den drei Podiebrad-Dörfern
zusammen mit fast 6 % der jeweiligen Gesamtbevölkerung weitere herausragende
Lebensmittelpunkte ausgebaut hatte.
Was die zaghaft beginnende Umverteilung der Hussinetzer in der näheren Umgebung
ihres Heimatdorfes betrifft, so war übrigens auch die oben genannte Charlotta
Maria (die nicht hätte sein sollen) ein wenig beteiligt, denn sie heiratete ja am
10. Juni 1894 in Strehlen in erster Ehe den Johann Gottlieb Moses (1853-1900)
aus Nieder-Podiebrad, der mit ihr dann nach Eichwald übersiedelte, wo man
gemeinsam für so manches Glückshormon der Einwohner und Wanderer sorgte, denn
das Kirchenbuch verzeichnet zu Johann Gottlieb vielversprechend „Gasthausbesitzer Kretschambesitzer
Stellenbesitzer Gastwirth“. Richtig, man war zunächst Eigentümer und
Betreiber der weithin bekannten Gastwirtschaft, die einst das Forsthaus war und
daher auch als ein Tor zum ebenso romantischen wie mysteriösen Eichenwald der Strehlener Berge galt. Das
eigene Eheglück währte aber nur kurz, denn Johann Gottlieb verstarb bereits im
Jahr 1900 an „Schwindsucht“. Charlotta Maria hielt den Betrieb aber aufrecht,
um schließlich 1904 den blutsverwandten Traugott Duschek zu heiraten. So kam
es, dass das „Gasthaus zur grünen Eiche“ zu Eichwald bei den Vertriebenen eher
als das des Traugott Duschek in die Analen einging, denn dieser umtriebige Mann
„regierte“ hier bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, wie wir weiter oben
gesehen haben. Zum mutigen Aufbruch der Böhmen in die preußische Fremde müssen wir
freilich einschränkend feststellen: Alle oben genannten Dörfer gehörten ja
trotzdem ganz oder weitgehend zur Hussinetzer Parochie, so dass es vorerst
nicht allzu abenteuerlich war, wenn sich einzelne Kirchenmitglieder umsiedelten. Umgekehrt freilich, hatte einer
den dörflichen Anwesen wirklich und endgültig den Rücken zugekehrt, so mussten er
und seine Verwandten in den Dörfern bei seinen seltenen Besuchen darunter
leiden. Ein Fleger-Onkel von mir lebte zum Beispiel in der Hauptstadt Berlin.
Wenn dessen modern gekleidete und eingestellte Familie - die Ehefrau war
Modistin - ein paar Tage in Hussinetz weilte, um uns zu besuchen, wurde im Dorf
ohne Ende getuschelt und getratscht, und meine Mutter schämte sich bzw. musste
sogar weinen. Die sprichwörtliche Hussinetzer Gemeinschaft hatte wohl doch inzwischen
gesellschaftlichen Rost angesetzt.

Bild 3: Das „Gasthaus zur
grünen Eiche“ in Eichwald auf einer Postkarte (Wer mag
sich
wohl auf diesem Foto verewigt haben???)
Die eigentliche Hochzeitsfeier in
Hussinetz
Auch die Hochzeit fand also stets an einem Sonntag statt, aber diese, der wir
uns nun zuwenden wollen, eben eine Woche später. Nun war die Stunde meiner
Großeltern mütterlicherseits gekommen. Jener für Ende November vorzeitige
Wintereinbruch hatte inzwischen alles endgültig in ein Schneeparadies
verwandelt. Statt der Wagen mussten Schlitten herhalten, was jedoch maßgeblich
die Stimmung auf den Höhepunkt trieb. Jeder geladene Junggeselle hatte ja
zunächst seine Jungfer abzuholen, und so mancher verzichtete auf den
Paradeschlitten (oder konnte keinen auftreiben) und hängte dem obligatorischen
Pferd einen kleinen Sportschlitten an. Da wurde es so wunderbar eng, manchmal
kippte das schmale Gefährt, und man kam sich im Schnee noch näher. Auch konnte
man mehrere Schlitten aneinander hängen, so dass schon mal eine überzogene
Slalomfahrt um Bäume ganze Knäuel von kreischenden Mädchen und gestikulierenden
Kutschern im Schneegestöber erzeugen konnte.
Dann aber, ganz plötzlich, kam stille Ordnung in die Gesellschaft. Man steuerte
zur Wohnung des Bräutigams, um ihn zum Hochzeitshaus zu Kaffee und Kuchen
abzuholen. Hier empfing sie der Brautdiener, nach dessen Einteilung man zu
Tische saß und das Angebot - Streusel- und Mohnkuchen durften selbstverständlich
nicht fehlen - genoss. Dann holte sich der Brautdiener das Brautpaar und dessen
Eltern, um sich zur Rede seitwärts aufzustellen. Man habe sich auf Verlangen
der beiden Heiratswilligen versammelt, um sich gemeinsam zur Eheschließung vor
dem Altar in die Kirche zu begeben. Gott habe schließlich ein gewichtiges Wort
mit zu reden, auch müsse das Vorhaben gesegnet werden, hieß es. Alle waren
bereit, aufzustehen und sich zur Marien-Kirche zu begeben. Doch das Ritual
durfte nicht an den Eltern vorbei gehen, vielmehr mussten die Brautleute zunächst
wechselseitig ihren Eltern danken, dass sie sie seit der Kindheit bis hierher
gebracht hatten, und schließlich den Schwiegereltern Dank sagen für die
vorbehaltlose Überlassung ihres lieben Nachkommen. Auch diese hatte man um
freundliche Aufnahme in ihrem Kreis zu bitten. Wie zur Beeidigung dieser
wichtigen Anliegen und deren Anerkennung stimmte dann die Gesellschaft ein
starkes (früher stets böhmisches) Lied an, bevor man zum Gotteshaus aufbrach.

Bild 4: Böhmisches Gesangbuch
der Hussinetzer Kirchengemeinde aus dem Jahr 1850
(KNIHA Zalmu y Pisni = Buch der Psalmen und
Lieder)
Bei Anna Maria und Gustav Albert war es im Jahr 1897 zwar nicht mehr so - für
sie standen gemäß inzwischen übernommener deutscher Kultur vor dem Altartisch sogar
Sessel bereit - doch noch vor einem halben Jahrhundert kam es im Kirchenraum
zunächst zur Polarisierung nach böhmischer Tradition: Die linken vorderen
Bankreihen waren für die Junggesellen und den Bräutigam reserviert, während
rechts vorn die Jungfrauen mit der Braut Platz zu nehmen hatten. Die durchweg
schwarzen Festgewänder hätten heutzutage jeden Grufti verzückt. Erst ein Wink
des Pfarrers öffnete die ersehnte Pforte zum gemeinsamen siebenten Himmel, und
es gab schließlich jenen neuen, hoffnungsvollen Eintrag im Kirchenbuch, früher
auch das in altböhmischen Lettern.
Eine weitere Hürde türmte sich dann am Hochzeitshaus auf, denn es war
verschlossen. Erst nach geraumer Zeit gelang dem mit listigen Versprechungen
und überzeugenden Wünschen - zum Beispiel: Wir brauchen ein Bett! - um Einlass
bettelnden Paar der Zutritt. Die Gesellschaft schlüpfte mit Getöse hinein,
löschte den ersten Durst ... und vollzog geschlossen einen kompletten textilen
Fassadenwechsel. Erst jetzt kamen Farben ins Spiel. Bunte Hemdsärmel, weiße
Schürzchen, geblümte Schultertücher traten zum Vorschein, und die vor einer
Woche hergestellten Kränzchen auf den Köpfen der Braut und ihrer jugendlichen
Begleiterinnen verbreiteten einen regelrechten, (nicht immer) noch
jungfräulichen Heiligenschein. Nach dem Tischgebet des Brautdieners stürzte
sich dann alles im ersten Gang, eigenhändig (!) schöpfend, auf in Schüsseln bereit
gestellte … Nudelsuppe mit Rindfleisch.
Es gab früher auf Hussinetzer Hochzeiten, wie in der Kirche, keine Musikanten,
aber bald beteiligten sich alle an fröhlichen Gesängen, wobei sich nun
endgültig böhmisches mit neuerdings deutschem Repertoire mischte. Sogar vor dem
Haus wurde gesungen, denn da hatten sich viele Menschen versammelt, die dem
jungen Paar huldigen und vor allem ein bisschen von den dargereichten Speisen
und Getränken abbekommen wollten. Es ging da draußen gewiss nicht üppig zu,
aber jeder bekam etwas, während sich drinnen der zweite Gang in Form von
Schweinebraten auf den Tischen türmte. Wieder versorgte sich jeder mit Brot und
Sauerkraut selbst. Wer nicht trinkfest war oder nicht aufgepasst hatte, kam
zudem jetzt schon in die Problemzone. Dabei war das genau im falschen
Augenblick, denn nun wurde wie im Theater beim Brautpaar Revue passiert. Da schonte
man keine Wunde, und wo die Unschuld sogar beweisbar gewesen wäre, wurde mit
blühender Phantasie derb und gnadenlos aufgetragen. Dazwischen ging der
Rundgesang um: „Lebe, liebe, trink und schwärme ...“, und das genau bis
Mitternacht!
Nach einer letzten, aufmunternden Bratwurst kamen jetzt endlich die Geschenke
auf den Tisch. Also, an eine heimliche Flucht des Brautpaares war nicht im Geringsten
zu denken. Ob es Anna und Gustav allenfalls trotzdem zwischendurch gelungen
war, der Gesellschaft auf den mit Heu ausgelegten Dachboden zu entkommen - wo
den Rest der Nacht traditionell das unverheiratete Jungvolk zu verbringen
pflegte - ist nicht verbürgt. Jedenfalls galt es als Pflicht, die Geschenke
entgegen zu nehmen, die da im Niveau - streng geregelt nach Herkunft bzw.
Verwandtschaftsgrad des Gebers - zwischen Wanduhren und Kohlenkästen, zwischen
Bettwäsche und Kochtöpfen oder zwischen Kleiderbürsten und Schuhanziehern
lagen. Im neuen Haushalt durfte allerdings eines nicht fehlen: Die Bibel, und
die schenkte zum Schluss eine der Großmütter. Erst danach wurde zur äußerst
umtriebigen Nacht entlassen.
Na bitte, nun, weit nach Mitternacht, durften sich endgültig die Gene meiner
Urväter und Hussinetz-Gründer Nikolaus Fleger und Tobias Duschek (1680-1758) - und
nicht zu vergessen - die des Alturvaters Paul Hanusch mischen!
Hänschens erster Fehltritt in Gesiniec
Wie war das doch mit dem Heuboden? Erst jetzt begreife ich, warum es bei uns da
oben unter dem Dach unseres ansonsten sehr einfach ausgeführten Steinarbeiter-Hauses
so eine große Freifläche gab. Und von wegen „Alles in Ehren!“, wie Erwin Günther 1931 über die Hochzeit in
Hussinetz schrieb. Ist das duftende Heu nicht der eigentliche Grund für die bedenklich
vielen „Unfallopfer“, die neun Monate später in die Kirchenbücher eingetragen
worden sind?
Hänschen betrat jedenfalls den halb dunklen Boden in seinem Geburtshaus stets
mit dem nötigen Respekt ... und erinnert sich ganz bestimmt an einen völlig
anders gearteten Fehltritt: Die Holztreppe war schmal und äußerst steil. Eines
Tages holte der Kleine einen kleinen, zweihenkligen Korb mit Feuerholz
herunter, das heißt, er wollte es wie schon so oft tun. Beim Betreten der
obersten Stufe im Vorwärtsgang (!) kam es zum Zwischenfall, genauer zum freien
Fall eines Tandemkörpers. Der volle Korb flog voraus, wurde aber von beiden
Händchen an den Griffen fest gehalten und „gesteuert“. Fatales Ergebnis: Erst
kam der Korb an, nun prallte das Holz zurück und schließlich knallte ein
kleines Gesicht in die Scheite, bevor der geschundene Knabenkörper alles
bedeckte. Weinen, weinen, weinen … und niemals vergessen!

Bild 5: Hänschen, geboren in
Friedrichstein alias Husynec alias Hussinetz weinte oft
in
Gesiniec
Mehr über Hussinetz und Strehlen sowie die
anderen böhmischen Dörfer ist zu erfahren in www.drhdl.de.
08.02.2011
F.M.