Anna Kupka, die älteste Bürgerin von Hussinetz/Schlesien
von Hans-Dieter Langer, Niederwiesa
Einführung
Von Frau Ursula Weniger, der Leiterin der
Inselgruppe Meißen/Dresden der BHG Stadt und Landkreis Strehlen, bekam der
Autor im Jahr 2009 die Anregung, über den 100. Geburtstag von Frau Anna Kupka
zu berichten. Er ist außerordentlich dankbar, dass er bei dieser Gelegenheit
die betagte Dame persönlich kennen lernen durfte.
Wir schauen weit, weit zurück: Soeben hatte Paul Ehrlich aus Strehlen - der
weltberühmte Entdecker der Chemotherapie und Mitbegründer der Pharmaindustrie -
den Nobelpreis erhalten, da wurde am 24. Januar 1909 im benachbarten
„böhmischen“ Dorf Mittel-Podiebrad Anna Smolla geboren.
Zum Geburtstag
(geschrieben am 24. Februar 2009)
Die Inselgruppe der schlesischen Vertriebenen, die in der sächsischen Region um
Meißen/Dresden ihre zweite Heimat gefunden haben, konnte kürzlich in großer
Runde ihren 100. Geburtstag feiern. Wir schließen uns an und wünschen der
Jubilarin, die heute Anna Kupka heißt, von Herzen Gesundheit und weiterhin
diese erstaunliche geistige Frische, die jeden fasziniert, der das Glück hat,
sich mit ihr zu unterhalten.

Bild 1: Anna Kupka aus Mehltheuer/Mittel
Podiebrad/Gosciecice und Hussinetz in Schlesien zum
100.
Geburtstag
Schon ihr Urgroßvater war Landwirt, so dass sie sich gern an die zwei
Zugochsen, die drei Kühe und das andere Vieh - zahlenmäßig hat sie alles noch
exakt im Gedächtnis (!) - der Landwirtschaft ihres Vaters, Johann Smolla,
erinnert, denn sie lernte und praktizierte hier als angehende Landfrau. Ihre
Mutter, eine geborene Stribrny bzw. Silber, stammte aus Böhmen und vermittelte
ihr zudem die alte tschechische Sprache wie es sich für die heutige Kulturinsel
Strehlen/Hussinetz (Strzelin/Gesiniec) damals gehörte, wenngleich sie mit den
Kindern der ganzen Umgebung die deutsche Schule ihres Dorfes besuchte.
Die Gemeinsamkeiten des Unterzeichneten, der in
Hussinetz/Friedrichstein/Gesiniec geboren wurde, mit Erinnerungen im Lebenslauf
von Anna Smolla erwiesen sich im Gespräch als sehr bemerkenswert, denn sie kann
sich sogar an sein Geburtshaus erinnern, und er besuchte auch (freilich erst)
im Jahr 1949 diese Schule, weil die prächtige Neue Schule zu Hussinetz im
2. Weltkrieg vollständig zerstört worden war und ihre Ruine nur noch als
Spielplatz diente. In Gosciecice (Podiebrad/Mehltheuer) wurde inzwischen jedoch polnisch und tschechisch
gelehrt. Zu dieser Zeit hatte Anna allerdings längst ihre Heimat verlassen
müssen, und ihr erster Ehemann, Erwin Brix, war nach der heiß ersehnten
Rückkehr aus russischer Gefangenschaft elend an Unterernährung verstorben.
Smolla´s hatten ihr einziges Kind vor der heran rückenden Front vorsorglich
nach Reichenbach ins Eulengebirge, in vermeintliche Sicherheit, gebracht. So musste
der Vater sie erst dort abholen, um dann mit der Familie die Tage 14. bis 18.
August 1946 in einem Zug nach Deutschland unterzukommen, der sie angeblich nach
Westen, in die englische Besatzungszone bringen sollte. Die vorläufige
Endstation war aber - durchaus ungewollt - Dresden-Neustadt, also ein Bahnhof
inmitten einer seinerzeit unglaublichen Ruinenlandschaft.
Sie waren daher froh, dass sie im weitgehend von Beschuss verschonten Meißen
eine Bleibe fanden, und zwar Anna bis zum Jahr 1961. (Hier kreuzte sich doch
tatsächlich, wenn auch unbemerkt, erneut ihr Weg mit dem des Unterzeichneten,
der inzwischen notgedrungen in Weinböhla seine zweite Heimat gefunden hatte und
in Meißen die Oberschule besuchte.) Die tapfere Frau aus dem Landkreis Strehlen
wusste inzwischen ein freud- und leidvolles halbes Jahrhundert hinter sich und
schaute nun umso entschlossener nach vorn. Da trafen sich plötzlich zwei
Gleichgesinnte, und Anna heiratete den
Wilhelm Kupka aus Hussinetz, dessen erste, auch von dort stammende Frau
unlängst an Krebs gestorben war. Auch Wilhelm war Landwirt, doch praktizierte
er zweitberuflich - wie es traditionell in den bescheidenen Verhältnissen der
Hussinetzer Parochie üblich war - auch als Zimmermann. Das war allemal genug,
um unter DDR-Verhältnissen zurecht zu kommen. Man zog nach Riesa um und schuf
sich dort eine gemeinsame Existenz. Wilhelm war glücklich, wieder eine Frau aus
der Heimat zu haben, und die 100jährige Anna meinte dazu in der Rückschau: „Man
hatte etwas, um sich zu unterhalten.“

Bild 2: Das einstige Anwesen des Wilhelm Kupka
in Hussinetz (historische Aufnahme), in dem auch bis zur
Vertreibung
Anna Kupka, geb. Smolla, gelebt hat.
Nun ist Anna schon wieder 31 Jahre Witwe und lebt allein in einem Haus, in dem
eigentlich sechs Familien unterkommen könnten. Das Wohnraum-Elend im Osten der
Nachwendezeit hat sie eingeholt, doch sie nimmt die Situation standhaft an.
Wenn sie auch auf Gehhilfen und häusliche Unterstützung angewiesen ist, so
spürt man in der Unterhaltung, dass sie trotzdem mit Elan und Scharm ins zweite
Lebensjahrhundert schaut. Übrigens ist sie keinesfalls scheu geworden, doch so
leicht kommt man nicht an sie heran. Man muss sich schon ordentlich „ausweisen“,
ehe sie den Schlüssel für die Haustür herunter wirft, denn man kann nie wissen.
Und Besuche in Schlesien? Ja doch, mit Verwandten habe sie sogar den Polen
besucht, der das Eigentum der Eltern übernommen hat, und man habe die Gäste
sogar „gut aufgenommen“. Doch Anna will jetzt nicht mehr hin, denn
vieles habe sich verändert. Die Heimat sei ihr „fremd“ geworden: „Zu
viele neue Häuser!“
Genau dies ist einer der Punkte, die den Unterzeichneten veranlasst haben, die
Kulturtagungen Strehlen/Hussinetz (Strzelin/Gesiniec) ins Leben zu rufen, siehe
dazu unter anderem die Informationen der Bundesheimatgruppe Stadt und Landkreis
Strehlen und in www.drhdl.de.
Es geht um den Schutz eines bedeutenden Kulturdenkmals, das im Zeichen dreier
Nationen in Jahrhunderten gewachsen ist. Niemand hat zum Beispiel etwas
dagegen, wenn sich die polnischen Neusiedler dort eigene Häuser bauen - in
Gesiniec/ Hussinetz hat sich sogar eine interessante Nachkriegsarchitektur
entwickelt - doch muss der Respekt vor der Geschichte einer Region auch hier
zunehmend Fuß fassen können. Anna Kupka hat recht, wenn sie zum Beispiel Klage
erhebt, weil schon viele Baudenkmale verschwunden sind - sie standen nicht
einmal auf der Schutzliste - so „dass man kaum noch die Dörfer erkennt“.
Die landschaftsprägende Dorfstruktur ist ja zudem für sich schützenswert, weil
gerade sie mit ihren Bau- und Naturdenkmalen (und selbstverständlich mit ihrer
einzigartigen Historie) einen bedeutenden Teil der europäischen Kulturinsel
ausmacht. Hier müssen nicht nur Polen, Deutsche und Tschechen miteinander eine
gemeinsame Sprache finden!
Das besagt jedenfalls eine vielhundertjährige lebendige Erfahrung, und es ist
dies das erklärte Vermächtnis von Anna, verwitwete Kupka und Brix, geborene
Smolla, das sie kund getan hat einen Monat nach ihrem 100. Geburtstag.
Ein Nachruf für Anna Kupka - und
die Hussinetzer Gemeinschaft
(geschrieben am 5. März 2010)
Es ist vollendet: So ist das im höchsten Alter - Jedes weitere Jahr zählt wie
ein Jahrhundert, und plötzlich ist alles vorbei.
Anna Kupka, die älteste Bürgerin der sogenannten „böhmischen Dörfer“ aus dem
Landkreis Strehlen ist von uns gegangen. Man bereitete sich bereits auf die
Feier des 101. Geburtstages vor, da traten bei der betagten Frau - vielleicht
nicht ganz aus heiterem Himmel - ernste gesundheitliche Probleme auf. Sie
musste am 23. Januar 2010, also einen Tag vor diesem Ereignis, ins Krankenhaus
eingeliefert werden. Von dort kam sie nicht mehr nach Hause zurück, denn nun
war der Weg ins Pflegeheim vorgezeichnet, wo sie nach 10 Tagen Aufenthalt,
nämlich am 13. Februar 2010, verstorben ist. Die Trauerfeier am 26. Februar
vereinte im Heim nur den engsten Kreis, doch bei der Urnenbeisetzung am 2. März
2010 auf dem Trinitatis-Friedhof zu Riesa kam es zu einem regelrechten
ostdeutschen Schlesier-Treffen.
Trotzdem, die Legende Hussinetz ist einmal mehr um einen ihrer Akteure ärmer
geworden. Auch der Autor, der Ende Januar und Anfang Februar vergeblich und
ahnungslos versucht hatte, Frau Kupka - wie seit dem 100. Geburtstag etwa
monatlich üblich - telefonisch zu erreichen, ist zutiefst traurig, diese stets
aufgeschlossene und einzigartige Gesprächspartnerin und Zeitzeugin verloren zu
haben. Anna Kupka hat ja nicht nur mit guter Erinnerungsgabe über die
gemeinsame Heimat berichten können, sondern sie war auch kritisch.
So mag ein kleiner Disput an dieser Stelle veröffentlicht werden, der sich
Anfang Januar 2010 zwischen beiden abspielte. Anna Kupka erfuhr von den
ernsthaften Museums- und Denkmalschutz-Ambitionen des Autors zu
Strehlen/Hussinetz. Das fand sie nicht so sinnvoll. Die Heimat sei ja ohnehin
verloren, und dann auch noch das Erbe den Polen überlassen, die alles
verändern, so „dass man die Dörfer nicht
mehr wieder erkennt“? Dabei benutzte sie doch selbst noch immer ein
gerettetes Kopfkissen aus Hussinetz und stand doch diese Kaffeetasse aus der
schlesischen Heimat im Schrank!
Und nun? Jetzt liegen diese unwiederbringlichen Erinnerungsstücke der
europäischen Kulturinsel Hussinetz/Strehlen auf irgendeiner sächsischen
Mülldeponie, denn Anna Kupka´s Wohnung wurde besenrein gefegt. Wie leicht hätte
sie verfügen können, dass diese Dinge - die natürlich für andere völlig wertlos
sind - in den Fundus eines kommenden Museums eingehen! Möglicherweise glauben
noch mehr Betroffene nicht an die Heimatstube in Hussinetz oder an das museale
Projekt, das einst die Geschichte von Strehlen-Strzelin und das Phänomen von
Husynec-Hussinetz-Friedrichstein-Gesiniec unter einem Dach vereinen und für die
Nachwelt zugänglich machen wird. Doch wir sollten nicht die polnischen Bürger
unterschätzen, die durchaus willens und in der Lage sind, dieses internationale
Projekt in die Tat umzusetzen. Sie träumen (und planen!) sogar - und zwar nicht
zuletzt zu diesem kulturellen Zweck - das Strehlener Rathaus nach alten Vorlagen
wieder aufzubauen. Nur, sie brauchen unsere Hilfe, und eine Ausstellung braucht
ihre Exponate. Auch sollten sich die Vertriebenen und ihre Nachkommen verstärkt
darum bemühen, dass die Hussinetzer Dorfstruktur und die dörflichen Baudenkmale
in Polen auf die Liste schützenswerter Kulturdenkmale kommen. Auch wir in
Deutschland verändern und modernisieren unsere Siedlungen bis zur
Unkenntlichkeit ihrer Vorgänger. Doch wie freut man sich letztlich, wenn sich
Eigentümer finden, die alte Bauwerke denkmalgerecht sanieren, und Heimatfreunde
für den Naturschutz Sorge tragen.

Bild 3: Schon heute findet sich im Stumpf des
(einst von den Deutschen gesprengten!) Rathausturmes eine von
den
Polen gestaltete historische Ausstellung. Warum sollte den Strzelinern mit
ihrem Rathaus-Projekt
nicht
das gelingen, was die Dresdner mit der Frauenkirche geschafft haben? Und
weshalb wäre zum
Beispiel
das letzte originale Steinarbeiter-Haus von Hussinetz (das Geburtshaus des
Autors) nicht zum
Beispiel
geeignet, einst die internationale Heimatstube
zu beherbergen?
Jedenfalls ist es ein unhaltbarer Zustand, wenn wertvolle Zeugen der
Strehlen/Hussinetzer Vergangenheit - wie Gründungs-Urkunden, Gegenstände des
heiligen Abendmahls oder die Kirchenbücher der Hussinetzer Gemeinschaft - weit
verstreut in Deutschland, Polen, Tschechien und sonst wo in den Depots oder
Privatwohnungen herum liegen, während Initiativen von in Deutschland
etablierten Gruppen (übrigens durchaus auch mit Fördermitteln der Europäischen
Union) wie selbstverständlich Suppen-, Puppen- oder Fahrzeug-Museen auf die
Beine stellen.
Erinnerungstourismus, Vertriebenentreffen und Familien-Genealogien sind die
eine, doch gut ausgestattete Heimatmuseen und Denkmalschutz vor Ort sind die
andere Seite einer Erbschaft der Jahrhunderte! Der Autor sieht jedenfalls
bereits vor dem geistigen Auge jene Vitrine einer tapferen Frau, die in der
langen Zeit vom 24. Januar 1909 bis zum 13. Februar 2010 lebendige
Strehlen/Hussinetzer Geschichte geschrieben hat: Anna Kupka, geb. Smolla.
F.M.
19.05.2010