Eine kleine Erd- und Naturgeschichte der „Strehlen/Hussinetzer
Scholle“
von Hans-Dieter Langer, Niederwiesa
„Gletscherschrammen am Rummelsberg“ entdeckte Ernst Althaus und
veröffentlichte dies sogleich im Jahrbuch 1895 der königlich-preußischen
geologischen Landesanstalt. Hütet man, wie ich, ein blühendes Schlesien in der
Erinnerung, so läuft einem bei diesen Worten ein kalter Schauer über den
Rücken, der sich gegen das verklärte Bild der Heimat zu drängen scheint. Ja,
die Winter in den Jahren 1941 und 1949, die ich dort erlebt habe, waren
tatsächlich teilweise sehr hart und schneereich. Aber Gletscher?
Es lenkt die Tatsache, dass die aus geschichtlichen Gründen eher bäuerlich zu
verstehende „Hussinetzer Scholle“ eine
Entsprechung im Sprachschatz der Geologen hat, unsere Aufmerksamkeit nun
endgültig auf ihre Erdgeschichte. Wir zitieren dazu einen historischen Satz des
berühmten schlesischen Geologen Hans Cloos: „Die (Granit-) Schollen
des Galgenberges finden sich zu beiden Seiten dieses Schieferstreifens.“
Immerhin ist damit der Granit gemeint, der einst Strehlen und Hussinetz das
weithin kolportierte Attribut „steinreich“ und daher gemäß Strehlener
Chronik den niedrigsten aller Steuersätze in ganz Schlesien einbrachte. Der „größte
Steinbruch Europas“, siehe Bild 1, und so ähnlich wabert es zudem in
ungezählten einschlägigen Veröffentlichungen.

Bild 1: Nicht allein
die Größe, sondern vor allem die Qualität - hier ein Eindruck von der
Regelmäßigkeit der
natürlichen
Klüftung, die erstklassige Rohlinge hervor bringt - haben den
Strehlen/Hussinetzer Granit-
Steinbrüchen
den Ruhm eingebracht.
Immerhin, ein Teil meiner Vorfahren hat als Steinarbeiter sein Brot verdient
und damit diese bemerkenswerte neuere Wirtschaftsgeschichte der Region mit
geschrieben. Schließlich bin ich nicht nur in einem originalen granitenen
Steinarbeiterhaus zur Welt gekommen, sondern lebte neun Jahre lang eben auf jenen
Granitschollen, die - sobald sie wie der rätselhafte Marienstein (Bild 2) auf
dem Marienberg - unmittelbar ans Tageslicht getreten sind, zu den
unverwechselbaren Mysterien unserer gebeutelten Gesellschaft gehörten.

Bild 2: Wer erkennt in
diesem Granitbuckel die hl. Maria wieder? (Uns Kleinkinder beeindruckte vor
allem die
Legende
vom kleinen Fußabdruck der Maria, den man mit einiger Phantasie zudem als
Vertiefung im
Stein
vorfindet.)
Ganz davon abgesehen, die zahlreichen aufgelassenen Granit-Steinbrüche von
Hussinetz und Umgebung gehörten nicht nur für uns Kinder zu den natürlichsten
aller „Spielwiesen“. Unsere Lebenswelten wurden vielmehr außerordentlich
nachhaltig durch die Strehlener Berge bestimmt, die den Ort und seine Umgebung unmittelbar
geprägt haben, und insbesondere durch den Rummelsberg im Südosten sowie die
phantastische Silhouette des Zobtens (Bild 3) mit seinem Trabanten Geiersberg
im Nordwesten nahezu täglich zumindest visuell bekrönt.

Bild 3: Solche
spektakulären Sonnenuntergänge hinter dem nahen Zobten-Massiv waren für mich
ein häufiges
Schauspiel
von unserem Haus aus, das auf einem Panorama-Hügel inmitten von Hussinetz
steht.
Wie also kam dieser sagenhafte Granitschatz der Strehlener und Hussinetzer in
den Boden? Geht man dieser Frage nach - und das wollen wir jetzt tun, denn wir
erschließen uns damit unmittelbar die geliebte Natur unserer Heimat - so ist es
sicher angeraten, dies anhand einer aktuellen wissenschaftlichen
Bestandsaufnahme zu vollziehen. Polnische Wissenschaftler der Universität Breslau/Wroclaw
veröffentlichten kürzlich einen Lageplan der regionalen Gesteinsvorkommen. Bild
4 zeigt davon einen Auszug zu Strehlen/Hussinetz und Umgebung.

Bild 4: Die
dunkelgrauen Flächen kennzeichnen die Bereiche und „Inseln“, wo der Granit die
Geländeoberfläche
berührt. Genau dort wurden schon zu historischen Zeiten die Steinbrüche
angelegt.
Man erkennt gut die in Schollen aufgespalteten oberflächennahen Granitvorkommen
anhand der dunkelsten Flächenfärbung. Zur besseren Orientierung wurde die
Darstellung von mir ergänzt mit den annähernden Flurgrenzen von
Hussinetz/Gesiniec, das im polnischen Lageplan nicht einmal mehr erwähnt ist
(weil es von Breslau aus offenbar bereits als Stadtteil von Strehlen/Strzelin
verstanden wird), und per Pfeilspitze mit dem Standort meines Geburtshauses.
Mit 1 und 2 sind die heute noch in Betrieb befindlichen Steinbrüche bezeichnet:
Das sind die von Strehlen - es werden zur Zeit noch immer die zwei großen
Aufschlüsse im Galgenberg-Bereich betrieben - und neuerdings wieder der ehemalige
Hussinetzer Püschel-Bruch. In der Landschaft sind also noch oder wieder die nun
schon seit Jahrhunderten charakteristischen Sprengungen wahrzunehmen. Ich bin
sicher, bleiben sie eines Tages aus, so ahnt die Bevölkerung - wie auch ich im
Jahr 1945 - dass etwas Schlimmes im Schwange ist. Tatsächlich könnte dieser
Fall wenigstens teilweise eintreten. Wie das?
Wenn ich die Heimat aufsuche, gehört eine Visite der Steinbrüche immer mit
dazu. So lernte ich den jetzigen
polnischen Inhaber und Betreiber des Strehlener Betriebes kennen und
erfuhr von ihm, dass er aus wirtschaftlichen Gründen den möglichen Rückzug
erwägt. Zu aufwändig seien die Betriebskosten und zu stark sei der
Konkurrenzdruck geworden. Und der kommt in Europa nicht nur aus Übersee,
sondern eben hier auch vom potenten Nachbarn. Etabliert hat sich nämlich in Hussinetz/Gesiniec
ein weiteres Unternehmen. Wie man anhand des Lageplans in Bild 4 sieht, hat der
Standort 2 zudem eher die größeren, weil bisher nur mäßig ausgebeuteten
Granit-Ressourcen. Genau das ist aber im obigen Sinne ein erheblicher
Unsicherheitsfaktor für das Überleben auch dieser Firma geworden. Keine Frage,
man muss expandieren, (z.B. wenn man wie ich die bescheidene Enge des damals
aufgelassenen Püschel-Bruches kennt), doch schon formiert sich Widerstand der
Anlieger.

Bild 5: Der ehemalige
Püschelbruch erfuhr unter polnischer Hoheit bereits eine Erweiterung. Die
Granit-
Vorräte
sind gewaltig, doch vorerst wurden sie ein Zankapfel zwischen Unternehmern und
anliegender
Bevölkerung.
Die polnische Bevölkerung im allgemeinen und offenbar in Gesiniec im besonderen
steht schließlich auch an der Schwelle zu Europa ... und beginnt um den Erhalt
der Natur zu kämpfen. So schlagen auch bei mir sofort zwei Herzen in der Brust:
Wirtschaftlicher Fortschritt oder Erhalt der Natur?
Bevor man sich im Eifer selbst in das Kampfgetümmel stürzt und womöglich
parteilich wird, sollte man sich jedoch genau kundig machen. Also, wie kam der
Schatz in die Heimaterde und was haben unsere Vorfahren daraus gemacht? Diese
beiden Fragen betreffen eindeutig
* die Geschichte der regionalen Erde und
* die Wirtschaftsgeschichte von Strehlen/Hussinetz.
Wir gehen nun auf die Erd- und Naturgeschichte der
„Strehlen/Hussinetzer Scholle“ näher ein. Zunächst ein Experiment: Wir erhitzen Wasser in einem
geeigneten Glasbehälter auf der Kochplatte und stellen ein Licht dahinter.
Unsere Beobachtung: Bevor das Wasser zu kochen beginnt, steigen Schlieren an
die unruhige Oberfläche. Erklärung: Das Wasser erwärmt sich nicht gleichmäßig,
sondern es bilden sich zufällige Bereiche erhöhter Temperatur. Dort ist die
Dichte geringer, und dieser Teil der Materie gewinnt als Ganzes kinetische
Energie und steigt im Schwerefeld nach oben.
Und nun die von den Wissenschaften rekonstruierte terrestrische Realität: Die
Erde war zwar noch ziemlich heiß, doch sie kochte eigentlich nicht mehr.
Trotzdem waberte im zähflüssigen Erdmantel das Spektakel der Schlieren
(Plutone), manche mit einem Durchmesser von 10 km, manche mit 2.000 (!) km. Im
labilen Gleichgewicht titanischer Kräfte schwammen an der Erdoberfläche sogar
schon geschlossene Kontinente, das heißt, es hatten sich bereits Ozeane und
eine „feste“ Erdkruste gebildet. Wir schreiben das Jahr 4,8 Milliarden vor uns!
Trafen Plutone die kühlere Erdkruste von unten, so hatte diese bis etwa zum
Jahr minus 950 Millionen alle Hände voll zu tun, ihre Struktur zu erhalten,
denn die vertikale Kollision bedeutete, jede Menge kinetischer Energie
aufzufangen und - was noch schlimmer war - die zugeführte Wärmemenge zu
verkraften. (Erinnern wir uns, die Titanic hatte ein Leergewicht von 40.000 t,
ein kugelförmiger Pluton von ca. 100 km Durchmesser dagegen eine solche von 340.000.000.000.000
t, und dann hat er noch Tausende Schneidbrenner vorne dran!) So „fraßen“ sich
die Ungeheuer an vielen Stellen der Erde ganz, ganz langsam bis an die
Oberfläche durch, während die breiigen Massen allmählich erkalteten. Das war
die Stunde des „älteren Granits“ … und es fand nebenbei die feurige Geburt
des Zobten-Bergmassivs statt. Damit erhielt zwar die Heimaterde ihr nachweislich
seit der Steinzeit genutztes Bergheiligtum, doch war sie längst nicht endgültig
festgelegt … und sie war auch noch nicht an Ort und Stelle.
Im Gegenteil, im Erdaltertum (minus 590 bis 250 Millionen Jahre) schipperte sie
mit nördlichem Kurs als Bestandteil einer der damals existierenden
Kontinentalplatten gerade irgendwo am Äquator, denn es herrschte nicht Eiszeit
- wie eingangs erwähnt - sondern reges Leben einer tropischen Vegetation. So
gediehen unter anderem unerhörte Wälder in sumpfigen Regionen. Unglaublich,
auch dies war einer der Gründe, dass Schlesien in den untergegangenen deutschen
Reichen sogar zur Lebensader der Hauptstadt avancierte. Hier, im damaligen
Ostdeutschland sprudelten nämlich die Energie- und Rohstoffquellen für das
Bevölkerungs- und Industriezentrums Berlin. Und hier befindet sich übrigens auch
noch gegenwärtig eine der wirtschaftlichen Lebensadern von Polen.
Doch einstweilen bahnte sich quasi im „Schneckentempo“ erst einmal eine globale
tektonische Katastrophe an. Die Kontinente Gondwana, Laurentia und Baltica
stießen etwa dort zusammen, wo sich heute die Mitte Europas, einschließlich
Schlesien, befindet. Dieser Akt geschah unaufhaltsam (jetzt waren freilich
Massen von 250.000.000.000.000.000.000 t beteiligt) und er dauerte Hunderte Millionen
(!) Jahre, also gab es wieder ungeheuer viel Zeit, um die unablässig
auflaufenden Kontinentalränder in einer Mitteleuropa überstreichenden,
sogenannten Kollisionsbogenstruktur in den Erdmantel hinab zu drücken
(Subduktion) oder riesige Gebirge (zum Beispiel Variszisches Gebirge)
aufzufalten sowie um die Wässer umzuschichten (Saxo-Thuringischer und andere
Ozeane). Schlesien hatte zwar damit auf dem Globus halbwegs seine örtliche
Bestimmung in der gemäßigten Klimazone erhalten, musste aber erst einmal in die
ozeanischen Tiefen der Zechsteingewässer abtauchen, und mit ihm taten es die
wohl massereichsten Wälder, die jemals die Erde bedeckt haben. Es ist kaum zu
fassen, dies besiegelte weit über das Jahr minus 300 Millionen hinaus das
gemeinsame Schicksal einer damaligen, durch Sediment-Überschichtungen von zuvor
entstandenen Senken sowie durch Überschiebungen geprägten Festland-Stauchzone,
deren Spuren anhand der Steinkohlevorkommen von Nordamerika über die britischen
Inseln, das Ruhrgebiet, den thüringisch-sächsischen Raum bis nach Oberschlesien
und Ungarn reichen. Hierzu gehört aber auch der sogenannte känozoische
Vulkanbogen Mitteleuropas (rund 700 km von Frankreich über die Eifel und den
Westerwald über den Egergraben und wieder bis Schlesien und Ungarn). Der neu
entstandene Superkontinent Pangaea driftete freilich in den Jahren minus 250
bis 210 Millionen „bald“ wieder auseinander, indem sich unter anderem der
amerikanische Kontinent vom Rest verabschiedete, so dass ihn die Wikinger und
später Christoph Columbus erst wieder entdecken mussten.
Auch wir verlassen jetzt das Weltgeschehen und kümmern uns mehr um unsere
heimatliche „Titanic“, die sich also inzwischen - wie das tatsächliche
stählerne Mysterium - am Boden einer sehr, sehr tief gefluteten Senke befand.
Doch dabei blieb es nicht, wie gesagt. Man könnte meinen, dass nun auch noch in
jenen weit zurück liegenden Jahren der Erdgeschichte ihr schlesisches Grab in
der Tiefsee zugeschaufelt worden ist. An Land ringsum nagte nämlich der Zahn
der Zeit, und Körnchen um Körnchen wurden die „Höhenzüge des
Nord-Süd-Beckens großflächig abgetragen. Schuttmassen lagern sich in dem nur
zeitweilig von Wasser bedeckten Senkungsgebiet ab. Durch die Abtragung werden
auch Erze umgeschichtet.“ Das liest man in der Chronik der Weltgeschichte
(2008) insbesondere zu Schlesien. Der Siegeszug der Sedimente nahm also seinen
Anfang und die „Überschiebungen mit nachfolgender Metamorphose (die
Umwandlung der mineralogischen Zusammensetzung eines Gesteins durch
geänderte Temperatur- und/oder Druckbedingungen) und erneuter Freilegung
(durch wiederholte Erosion)“ setzten sich fort, so dass auch den Pflanzenmassen
darunter nichts anderes übrig blieb, als mineralisch zu werden und zu Stein zu verkohlen.
Die sagenhaften unterirdischen Schatzkammern von Schlesien wurden jedenfalls
reichlich gefüllt. Manche meinen, der Rübezahl sei daran schuld gewesen, um
später den Bergleuten mit der Wünschelrute zeigen zu können, wo sich diese
befinden, siehe Bild 6. Hier in dieser Phase ist auch die teilweise Ausbildung
des nicht unerheblichen „schiefrig-sandigen“ Bestands im Strehlener
Untergrund angesiedelt.

Bild 6: Schlesische Bergbauszene
mit dem Rübezahl (mit der Wünschelrute), Holzschnitt von Lindner, 1580
Die selbst den Krieg in Strehlen und Hussinetz prägenden Strehlener Berge
entstanden geologisch an der Grenze zwischen den West- und Ostsudeten im Kollisionsprozess relativ frühzeitig,
genauer schon vor ca. 400 Millionen Jahren. Diesem Phänomen sind zahlreiche
wissenschaftliche Schriften gewidmet, so zum Beispiel von E. Bederke, der im
Jahr 1929 unter anderem über den Gebirgsbau Mitteleuropas in der Fachzeitschrift
Geologische Rundschau veröffentlichte. Mineralisch waren die Strehlener Berge allerdings,
wie beschrieben, plutonisch entstanden und gelten als „altkristallines
Grundgebirge“, d.h., sie bestehen im wesentlichen aus jenem urzeitlichen „älteren
Granit“, dem „kristalliner Schiefer“ eingelagert ist.
Es folgten Jahrmillionen, in denen die geschundene Erdkruste im schlesischen
Bereich aufgrund tektonischer Prozesse sogar mehrmals auf- und abstieg, so dass
die Meere (Saxo-Thuringia, Zechstein, Tethys) kamen und gingen. Da bei dieser
Gelegenheit das Riesengebirge wohl wenigstens einmal einen Abstieg verpasste,
waren seine höchsten Berge - sicher wie der Zobten auf der anderen Seite des
legendären Hussinetzer Panoramas - zeitweise nur als Inseln wahr zu nehmen. Das
mag dann bei Annäherung so ausgesehen haben, wie es Erwin Günther, der
ehemalige Schulrektor aus Strehlen, in seinem „Rundblick vom Aussichtsturm des
Rummelsberges“ so treffend beschrieben hat: „... und rechts davon ragen in
tiefer Ferne in zweifelhaften, aber doch majestätischen Umrissen die hohen
Kämme des Riesengebirges mit der gewöhnlich im Gewölk verschwimmenden
Schneekoppe hervor.“
Nun hinterlassen Erstarrungs- und Belastungsprozesse in Festkörpern nicht nur
äußerliche Verformungen, sondern auch innere Spuren. Insbesondere sollten die
überall vorhandenen klüftigen, teilweise die gesamte, ca. 30 km dicke Erdkruste
durchdringenden Risse für Strehlen/Hussinetz noch große Bedeutung erlangen. Die
Schlieren im Erdmantel waren ja weiterhin aktiv - und sie sind es an den
sogenannten „Hot Spots“ im Weltmaßstab auch heute noch - so dass „eines
geologischen Tages“ (vor fast 250 Millionen Jahren) plötzlich die Heimaterde
wieder eine spektakuläre Überraschung bot: Der Boden - zum Beispiel auch exakt
am späteren Standort meines Geburtshauses - wurde erneut glühend heiß!!! Doch
eher klammheimlich strömte das Magma (Intrusion) durch diese Klüfte, schmolz
das benachbarte Gestein um, schob und rangelte mit dem Bestandsgebirge, um
endlich an vielen Stellen die Oberfläche zu erreichen. Dieser „jüngere
Granit“ erstarrte schließlich zu den eingangs zitierten „Schollen“.
Die langsame Abkühlung sorgte dann wieder dafür, dass sich die typischen
Mineralien Feldspat, Quarz und Glimmer formierten und darin ausgeprägte
Kristalle wachsen konnten: Es war dies insbesondere die Geburtsstunde des
Hussinetzer Granits. Wir betrachten in den Fotos von Bild 7 dieses Naturwunder
zum Vergleich anhand von Granit-Proben aus den beiden aktuell betriebenen
Steinbrüchen in Strehlen/Strzelin und Hussinetz/Gesiniec.

Bild 7: Zwei Proben vermitteln
im visuellen Vergleich einen Teil der Unterschiede: Der ältere (Strehlen) und
der
jüngere Granit (Hussinetz).
Auch sei an Urgroßvaters Sitzstein neben unserem Hauseingang erinnert, auf den
ich in meinem Hussinetz-Buch an anderer Stelle eingehe. Der „jüngere Granit“
ist tatsächlich entschieden brillanter als der „ältere Granit“, den man
z.B. auch beim Schwimmen im heimatlichen Zwölfhäuser-Bruch anschauen kann, Bild
8.

Bild 8: Ein guter Teil
der sprichwörtlichen „Hussinetzer Gemeinschaft“ gab sich hier vor dem 2.
Weltkrieg am
Zwölfhäuser-Bruch
ein Stelldichein (der Schwimmer: mein Vater, Alfred Langer, 1910-1989). Wer
erkennt
sich oder seine Vorfahren im Bild wieder???
Passionierte Internet-Surfer haben zudem sogar die Möglichkeit, dies im
Wikipedia-Lexikon zu tun, denn dort (Stichwort Granit) wurde als Beispiel
einschlägiger weltweiter Vorkommen ein ganz bestimmtes fotogenes Mineral
ausgewählt. Na, welches schon? Natürlich der Hussinetz/Strehlener Granit! Auch
Hans Cloos geriet seinerzeit in Verzückung, denn obgleich dieser weit gereiste schlesische
Geologe viel gesehen hat, schwärmte er, dass sich die plutonischen und
tektonischen Prozesse „im Strehlener Massiv am reinsten und schärfsten
ausgeprägt“ hätten.
Die erneut sich ausbildenden Spalten - nun auch im jüngeren, Hussinetzer Granit
-brachten es mit sich, dass in jenen prähistorischen Zeiten auch Mineralwässer
ihren Weg zur Erdoberfläche gefunden haben. Es gab und gibt in Hussinetz
tatsächlich zahlreiche mineralische Quellen und folglich Sümpfe, Bäche und
Teiche. Eine der Quellen im Abstand von etwa 200 m von meinem Geburtshaus ist
in der historischen Vorzeit zu einem Brunnen gefasst worden. Dies war auch unser
Reservoir, aus dem wir in Eimern das „Trinkwasser“ holten. Ich habe also in den
ersten neun Jahren meines Lebens täglich frisches Mineralwasser getrunken, mich
damit gewaschen und an dessen Ursprung bzw. am weiteren Bachverlauf gespielt,
siehe auch Abschnitt Hänschen und die kleinen Tiere. Das war gewissermaßen ein
Selbstverständnis, aber eben damals für das Hänschen leider noch ohne bewusstem
Bezug zur spannenden Urzeit der Erde.
Doch sind Wissenschaftler zu nennen, für die diese Gewässer früher durchaus
nicht zum Alltäglichen gehörten. Vielmehr machten sie in Hussinetz sogar ihre größten
Entdeckungen, die in die Fachliteratur eingingen. Der Botaniker G. L.
Rabenhorst (1806-1881) zum Beispiel gab die Schrift „Die Algen Europa´s“
heraus. Sie wurde in den Jahren 1861 bis 1882 in Dresden gedruckt. Schon 1861
waren somit er und seine Mitarbeiter, die Herren Hilfe und Dr. Bleisch, in den
Gewässern von Hussinetz fündig geworden. Die Beschreibungen der Fundstellen
verraten somit noch etwas mehr über diese Brunnen, Gräben und Weiher „im
Dorfe Hussinetz bei Strehlen in Schlesien“, Bild 9.

Bild 9: Selbst winzige
Algen haben Hussinetz in den Wissenschaften berühmt gemacht.
Hat die Alge mit dem vornehmen Namen Pinnularia nobilis womöglich zu meiner
Kinder-Nahrung (im Brunnen-Trinkwasser) entscheidend mit beigetragen? Wie aus
dem Abschnitt „Hänschen und die kleinen Tiere“, den man auch im Internet
aufrufen kann, jedenfalls zu ersehen ist, gab es in schlechten Zeiten im nassen
Element sogar richtig etwas zum Beißen (Fische, Krebse), wofür man nicht einmal
ein Mikroskop brauchte.
Insofern gesättigt und zudem erwärmt durch die fulminanten Naturereignisse
können wir uns jetzt noch einmal unerschrocken der „Einwirkung der ältesten
Eisdecke auf feste Gesteinsschichten in Schlesien“ gemäß E. Althans
zuwenden. Immerhin erfahren wir als inzwischen recht Sachkundige, dass sich „das
aus Gneis, Glimmer und Urthonschiefer, sowie Granit gebildete und Lager von
Quarzit und Kalkstein - der einschlägige Gepperdorfer Bruch „ernährte“ bis
zum Krieg die Familie meiner Tante, Ida Sperlich, geb. Fleger, und diente uns
Kindern danach auch als romantischer Spielplatz - einschließende Urgebirge
... hier in sanften Anschwellungen aus der Diluvialdecke des Flachlandes
inselartig bis zu den Kuppen des Rummelsbergs, Kalinkebergs und Leichnamsbergs
mit bezw. 392,6, 388,8 und 370,6 Metter NN. empor“ erhebt. (Auf einer
dieser „Anschwellungen“, sagen wir genau auf der schwindelnden Höhe von 198,7
m laut Messtischblatt - also auf der höchsten Erhebung im Zentrum von Hussinetz
- steht unser Steinarbeiter-Haus, in dem ich geboren worden bin.) Auch ist die
Rede von „schönen Granatkrystallen“ im „wohlbekannten Marmorbruch“
zwischen Steinkirche und Pogarth. Und ganz in der Nähe liegt jener „stattlicher
Findling von Granit“ (also auch ein Marienstein!), den Althans nebst Tonvorkommen
in „Göppersdorf“ eindeutig als „von
dem Gletscher nach Süden über den flachen Hügelrücken fortgeschoben“
interpretierte, so dass die in der Nähe unter Moos entdeckten „Haupt-Gletscherschrammen“,
weil 1,85 m lang und 0,5 m breit auf dem anstehenden Granit sichtbar geworden,
endgültig als Beweismittel dienten. Leider währte diese Sternstunde angesichts
des tatsächlichen irdischen Ereignisses nur wie eine Nanosekunde, denn „Die
schützende Moosdecke wurde sorgsam wieder über den damals in Schlesien noch
einzig dastehenden Fund gerollt.“
Allerdings wurden wenig später in Begleitung des Markscheiders Bimler
und des Zeichners Pabel vom Königlich-Schlesischen Oberbergamt zu Breslau
Gipsabdrücke gemacht, die nach besonderer Würdigung durch die
Naturwissenschaftliche Sektion der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische
Kultur letztlich der Königlichen geologischen Landesanstalt überwiesen worden
sind. Ob die wenigen Mikrosekunden des „Tausendjährigen Reiches“ genügt haben,
auch dieses einzigartige Kulturgut zu vernichten? Aber bitte kein Wehgeschrei!
Halten wir es lieber mit dem damaligen Aufruf des E. Althans, weiter zu
forschen: „Das schöne Waldgebirge -
die Strehlener Berge - würde dadurch neue Reize für den Naturfreund und
Geologen gewinnen.“
Ja, die Strehlener Wälder, sie lieferten das Holz für den Bau der ersten Häuser
in Hussinetz (Bild 10), waren für den Nobelpreisträger Paul Ehrlich der
Inbegriff von Natur (Bild 11), eroberten nach dem Krieg sogar in
Gesiniec/Hussinetz den sagenumwobenen Ziegen- und Apothekerberg zurück und
waren und sind ein lohnendes touristisches Ziel.

Bild 10: Der letzte
Originalbestand eines Hussinetzer Holzhauses - gebaut im Jahr 1749 - wurde
wenigstens in
diesem Bild festgehalten.

Bild 11: Einem
Familienfoto von Paul Ehrlich, 1854-1915, verdanken wir einen Blick in die
historischen
Strehlener Bergwälder. Wir erkennen den
späteren Entdecker der Chemotherapie mit seiner Frau
Hedwig, geb. Pinkus, 1864-1948. Das
Hochzeitsjahr wird in der Literatur etwas unterschiedlich
angegeben (1883 oder 1884). Da das Paar hier
noch sehr jung ist, handelt es sich wirklich um ein sehr
altes Bild der Strehlen/Hussinetzer Natur.
Davon zeugen zum Beispiel die Erinnerungsberichte von Paul Ehrlich bis Erwin
Günther, aber auch so manches historische Kulturdenkmal in der Region. Bevor
man nämlich an der noch heute vorhandenen Alten Försterei in den Wald gelangte,
passierte man in Hussinetz - von Strehlen kommend - die in der ganzen Region beliebte
Böhmische Baude. Nein, man ging nicht vorbei, sondern hinein, um sich zu
amüsieren und für den Rest der Wanderung zu stärken. Diese weithin bekannteste
aller Gaststätten in den „böhmischen Dörfern“ war gewissermaßen das Tor zum
Naturparadies der Strehlener Berge. Sie war aber auch ein Inbegriff für
verwöhnte Mägen: Mittagessen in der Baude, Kaffee trinken auf dem Rummelsberg,
Abendbrot wieder in der Böhmischen Baude.
F.M.
20.05.2010