Der letzte Küster von
St. Marien
von Hans-Dieter Langer, Niederwiesa
Diese Überschrift zur historischen Kirche St. Marien ist zwar filmreif, sie
entspricht aber keinesfalls dem Gedankengut ihrer hussitisch orientierten, evangelisch-reformierten
Gemeinde. Das „St.“ war einst den Hussiten eher ein katholisches Gräuel, mit
dem auch ihre erklärten Glaubensnachfolger nichts zu tun haben wollten, die
hier im Jahr 1749 Einzug hielten. Aber ein Küster, der vor allem den
Kirchenschlüssel zu verwahren hat, trat nun einmal nicht nur die Nachfolge
seiner Glaubensbrüder an, sondern die seiner gesamten Amtsvorgänger. Die
Strehlener Chronik datiert die kleine Kirche weit zurück in die Geschichte der
Deutschen, nämlich bis ins 12./13. Jahrhundert. Somit lässt sich die im Namen
geprägte Heiligkeit des Bauwerkes nicht umgehen, wir aber schreiben nun die
Geschichte von Rudolf Traugott Utikal (1898-1989), dem letzten deutschen Küster
von Hussinetz.
Wie im voran gegangenen Beitrag „Die Utikal-Küster von Hussinetz“ zum Ausdruck gebracht, versah das
Amt zunächst übergangsweise seine Mutter Anna, eine geborene Peter aus
Niederpodiebrad, denn Rudolf war noch minderjährig als sein Vater starb. Um die
nachfolgenden Ereignisse besser einordnen zu können, betrachten wir zunächst
einmal das familiäre Erbe des Vaters. Traugott Utikal besaß ein stattliches
Anwesen, das zudem wie kein anderes den Stadt-Land-Übergang zwischen Strehlen
und Hussinetz repräsentierte. Es ist zwar mitten in der historischen Altstadt
gelegen (siehe Bild 1 in oben genanntem Beitrag), doch schaut man selbst heute
noch stadtwärts, so dominiert wie einst bereits der urbane Charakter mit
relativ kleinen Flurstücken, überwiegend bebaut mit mehr oder weniger vornehmen
Mehrfamilienhäusern und angrenzenden kleineren Gärten bzw. Höfen. Der Blick auf
Höhe der Utikal-Grundstücke in Richtung Hussinetz offenbart dagegen entlang der
Altstadtstrasse ein eher ländliches Ambiente. Da entdeckte man zumindest damals
schon einmal das eine oder andere Bauerngut am Weg. Schließlich war selbst der
Pfarrhaus-Komplex rechter Hand einst ein solches gewesen. Hier begann zu allen
Zeiten seit dem Jahr 1749 der Einzugsbereich des Dorfes Hussinetz. Die Strasse
endet zudem jeher an ausgedehnten landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Der Herrgott fügte es und die Zweckmäßigkeit verlangte es, dass des Küsters
Land direkt an den Alten Friedhof grenzte, auf dem die Marienkirche stand.
Damit war jederzeit die visuelle Kontrolle über ihre Rückseite gesichert. Vom
Haupteingang hatte man, wie gesagt, ohnehin den Schlüssel, wobei die
Hauptfassade auch gut vom Pfarrer aus dem 1. Stock - wegen der alten steinernen
Friedhofsmauern - seiner historischen Residenz eingesehen werden konnte. Man
kann sich aber lebhaft vorstellen, dass der Küster das volle Vertrauen des
obersten Kirchenmannes besaß, war doch in 200 Jahren böhmischstämmiger Utikal-Küster-Dynastien
nichts einschlägig nennenswert Negatives passiert. Man kann sogar davon
ausgehen, dass sich die Küster und ihre Familien schon immer mit dem
Hussinetzer Heiligtum, dessen Inventar und dem umgebenden Gottesacker stärker
identifizierten als die Pfarrer, was natürlich auch etwas mit der unmittelbaren
Nachbarschaft der Grundstücke zu tun hatte. Oder glauben Sie, dass der letzte Pfarrer
Benno Krause, der von 1943 bis 1946 residierte, einst der Marienkirche gar einen
Schatz anvertraute? Der letzte Küster hat das aber getan, doch jetzt bitte
wieder der Reihe nach!

Bild 1: Schematische
Darstellung der Grundstücksverhältnisse zur Zeit des letzten Hussinetzer
Küsters, Rudolf
Utikal,
in der Altstadt von Strehlen
Wie aus der Skizze in Bild 1 ersichtlich, dehnte sich hinter dem Haupthaus von
Traugott Utikal ein Garten aus, auf dem noch ein Nebengebäude stand. Das war
diesseits der Altstadtstrasse. Jenseits - und damit wurde der oben genannte
Übergangscharakter in der Altstadt noch als echter Utikal-Durchgang gestärkt -
befand sich ein weiteres eigentümliches Grundstück. Es zierte in diesem Bereich
im wahrsten Sinne des Wortes den abzweigenden Aufgang zum Marien-Berg und diente
früher noch mehr als zu Traugott´s Zeiten der Gewinnung von Nahrungsmitteln:
Gemüse und Obst für Menschen, Gras für kleine Haustiere (obiges Nebengebäude!).
Das Gelände umrahmte allerdings das inzwischen fremde Grundstück des
Schuhmachermeisters Gustav Adolf Papesch (1904-1968). Während das
Hauptvermächtnis (einschließlich Küsterei) von Traugott Utikal
selbstverständlich seinem Sohn Rudolf zugedacht war, wurde die Tochter Anna Emilie (1894-1981) später mit der
Abtrennung eines Flurstückes bedacht, auf dem ihr Wohnhaus gebaut worden ist, als
sie den Standesbeamten Wilhelm Adolf Krcil (1893-1964) heiratete, der als
solcher sogar namentlich in der Strehlener Chronik Erwähnung fand. Eine
Grundstücksecke gehörte zudem einer Familie Wende.
So wuchs Rudolf Utikal als letzter deutscher Küster zu Hussinetz in ein
beachtliches Erbe und Amt hinein. Einer Eingebung folgend hat dieser Mann
jedoch auch einen damals ganz modernen und anspruchsvollen Beruf gelernt: Er
wurde Uhrmacher. Und wie das seinerzeit in dieser Eigenschaft üblich war,
entwickelte sich aus der anfänglichen Reparaturwerkstatt ein Laden, in dem
nicht nur mit Uhren, sondern auch mit Schmuck und Brillen gehandelt worden ist.
Das historische Haus wurde also umgebaut, und fast möchte man meinen, das Kirchenamt
trat in den Hintergrund. Das ist aber nicht der Fall, denn schließlich war bis
1939 noch die darin erfahrene, rüstige Mutter da, und es wurde im Jahr 1927
geheiratet. Eher unauffällig, aber mit großem Engagement griff somit zunehmend
die Ehefrau Else (1899-1975), geb. Miszkowsky, in das Geschehen ein, so dass
dahin gehend alles prächtig lief. Selbstverständlich gab es Reibereien mit dem
neuen Pfarrer, dem Lutheraner Benno Krause, der 1943 die Gemeinde übernahm und
kein tschechisches Wort verstand. Ja, der war kein „Böhmischer“ und hatte doch sogar den Auftrag von oben, mit den
böhmischen Gepflogenheiten in der Kirche Schluss zu machen. Hussinetz hieß aus
gleichem Grund inzwischen längst Friedrichstein. Doch, wie gesagt, ein Küster
hatte vor allem nach uralten Regeln zu funktionieren. So hielten es jedenfalls
die letzten Utikal´s im Kirchenbezirk bis zum Jahr 1947, und es hat gewiss
nicht an ihnen gelegen, dass das Leben der Hussinetzer Kirchengemeinde in den
späten Kriegsjahren zunehmend an Schwindsucht litt und nach dem Krieg daran fast
verstorben ist. Aber immerhin, im Jahr 1941 wurde auch der Autor noch immer
nach allen Regeln eines böhmisch geprägten, evangelisch-reformierten Rituals in
der Marienkirche getauft, denn für den Vollzug sorgte noch der
Vorgänger-Pfarrer Heinrich Duvinage. Auch genoss der Autor dort als 5jähriger
den ersten inoffiziellen Unterricht im Jahr 1946, den man in der Kirche in
tschechischer Sprache zelebrierte. (Bei dieser Gelegenheit fand übrigens auch
eine Entwürdigung des aufgelassenen Alten Friedhofs statt, die nicht unerwähnt
bleiben soll: Man schaufelte für uns „Lergen“ mangels anderer
Entlastungsmöglichkeiten darin eine grabähnliche Grube, legte „Donnerbalken“
darüber, und fertig war die Sicht nach unten für die kleinen Kinderpopos.) Das
war aber nur ein kurzer Auftritt, denn nun jagten die Polen gezielt einen nach
dem anderen aus seiner angestammten Heimat, und jegliche Organisation löste
sich im Staub einer Völkerwanderung auf. So erging es auch den Utikal´s im September
1947.
Was geschah aber im Küsterhaus im Schicksalsjahr 1945? Wir gehen einen kleinen
Umweg und betrachten zunächst die Aufgaben des Küsters ein wenig genauer, die ab
dem letzten Kriegsjahr bis zuletzt an Kontinuität nicht einbüßten: Vom körperlichen
Energieaufwand her (zeitig aufstehen!) dominierte eindeutig das
Schnee-Schippen, denn die zu bereinigenden Strecken innerhalb des
Kirchengeländes dehnten sich stattlich aus, zumal die Winter seinerzeit
diesbezüglich nicht gerade zimperlich waren. Anhaltend schneereich und kalt
waren sie vor allem, so dass - und damit begeben wir uns ins Innere der Kirche
- zudem Kohle-Schaufeln angesagt war. Die Heizung der Kirche, und daher auch
die Beschaffung der Heizmaterialien, bedeuteten somit eine ziemlich aufwändige ganzjährige
Aufgabe. Dazu kamen je nach Jahreszeit und Gemeindeaktivitäten das Schmücken,
das Beschreiben der Anzeigetafeln, gelegentlich die Bedienung der Blasebälge der
Orgel und, und, und … und jede Menge typischer Hausmeisterdienste. Denkt man
ans Kehren, Wischen, Putzen und Entstauben, so spürt man, wie schnell die ganze
Familie ins kirchliche Amt verwickelt worden war. Dafür gab es - vor allem an
Weihnachten - einen Höhepunkt in den eigenen vier Wänden: Das gemeinsame Zählen
der eingesammelten Kollekte. (Das jedenfalls hätte sich vom Pfarrer gehört!)
Als eine der anspruchsvollsten und das traditionell hohe Ansehen
unterstreichenden Tätigkeiten hat die Familie allerdings in Erinnerung, dass
die Gemeindemitglieder dem Küster (!) persönlich ihre geheimsten, das
Kirchenleben betreffenden Mitteilungen zu machen hatten. So gelangten die
Meldungen und Daten zu Heiraten, Geburten, Taufen, Todesanzeigen, Begräbnissen,
… auf diesem küsterischen Umweg im wesentlichen nur schriftlich „ins Ohr“ des
Pfarrers, der dann die notwendigen Maßnahmen einleitete bzw. ins Kirchenbuch
eintrug. Nun, immerhin stand ihm somit viel Zeit zur Verfügung, um die bei den
Hussinetzer zu allen Zeiten in hohem Kurs stehenden Predigten vorzubereiten.
Nicht zu vergessen ist der Kampf gegen das herbstliche Laub im damals gerade
nicht mehr ganz funktionierenden - schon seit 1909 gab es den großen Neuen
Friedhof - aber mit großen Laubbäumen bedachten Alten Friedhof.
Selbstverständlich befand sich dort aber noch das Grab des Küster-Vorgängers
Traugott Utikal, doch die Ehre der letzten Bestattung in dieser Traditionserde ist
im Jahr 1938 dessen Ehefrau Anna, geb. Peter, zuteil geworden. So zeichnet sich
auch hiermit schon die unheimliche Rolle des letzten Kirchenamtes an, die die
Geschichte den Utikals zugedacht hatte.
Nun kommen wir zur Frage nach dem Geschehen im Jahr 1945 wirklich zurück, und
seinerzeit junge Mädchen - Ilse Utikal (geb. 1936) und Rosel Schleinitz (geb.
1931), geb. Utikal - erinnern sich:
Klirrende Kälte!
27. Januar 1945: „Die Russen Kommen!“
Die Mutter auf einem Schlitten mit offenem Bein und Herzschaden.
Schreckliche Angst - Aber das Glatzer Bergland als vermeintlich rettendes Ziel!
Der Zufall wollte es, dass der Küster-Vater in dieser Gegend (Seifersdorf) eingezogen war.
So konnte er helfen. Und er hatte amtlicherseits allen Grund dazu:
Denn eingewickelt in den mitgeschleppten Betten … befanden sich
die wertvollsten Heiligtümer der Marien-Kirche zu Hussinetz: Der
Kelch und der Hostienteller.
Und das Ganze ging auch noch plötzlich verloren!!! Doch es fand sich im Gedränge zum Glück alles wieder.
Die Mutter und Tante Emilie Krcil hatten sogar die Kraft, bis zum März etliche
Male über Steinkirche nach Strehlen zu gelangen (hier muss der Autor an sein in
Arbeit befindliches Buch über Hussinetz erinnern), um zu Hause nach dem Rechten
zu sehen, „Liwanzen“ zu backen und
einige wertvolle Gegenstände in Sicherheit zu bringen. Vergessen wir nämlich nicht,
dass der Vater Uhrmacher war!
Es rollte trotz allem die Front eines Tages (8./9. Mai 1945) auch über Glatz,
so dass bald für Tausende Hussinetzer und Strehlener die ersehnte Rückkehr
angesagt war.
Denn sie wussten nicht was ihnen blühte!

Bild 2: Bis weit in die 50er Jahre des 20.
Jahrhunderts dümpelte der im 2. Weltkrieg fast unversehrte
Bestand
der Marien-Kirche dahin. Dann kam die bauliche Rettung … und seit 1982 ist das
uralte
Gotteshaus
wieder in katholischer Obhut. Doch sie erlebt auch immer wieder - und zwar im
Rahmen
des Erinnerungstourismus - ökumenische Höhepunkte, denn die
evangelisch-reformierte
Kirche
besitzt unbegrenzte Nutzungsrechte.
Nein, das Haus Utikal - sieht man von einem Granaten-Durchschuss im Dach ab -
und die Marien-Kirche waren weitgehend unversehrt. (Einige kleinere Reparaturen
wurden an ihr 1946 noch unter der Regie von Rudolf Utikal durchgeführt. Das äußerlich
trotzdem ziemlich verkommene Heiligtum, siehe Bild 2, besaß im Inneren seinen
historischen hussitisch-schlichten Fleur sogar noch zu Beginn der 50er Jahre.)
Zudem hatte der umsichtige und nach dem Wehrmachts-Rückzugsbefehl vom 7. Mai
1945 heim gekehrte Küster Rudolf Utikal das Gelände längst nach Sprengkörpern
abgesucht. Auch fanden sich im Altarbereich einige dort abgelegte, verblutete
Leichen deutscher Soldaten auf dem Teppich, doch Aufräumen und hin und wieder
aushilfsweise ein Grab schaufeln gehörte schließlich noch immer zum Küsteramt.
Als dann die Familie wieder komplett war, wurde in der Kirche auch wieder
geputzt, und … es wurde zu Hause wie gewohnt das Brot für den geretteten Abendmahlsteller
geschnitten, allerdings kam dieses nicht mehr vom entfernt verwandten Hussinetzer
Utikal-Bäcker, denn dessen moderne Bäckerei war zum Leidwesen aller
Dorfbewohner vollkommen zerstört worden.
Nun ging es freilich um´s Überleben. Der Küster-Uhrmacher räumte also auch erst
einmal seine verwüstete Werkstatt auf und zählte die verbliebenen
Spezialwerkzeuge. „Uri, Uri …!“, die
Russen hatten bekanntlich im zerstörten Deutschen Reich ihren Sinn für die Zeit
entdeckt. Es lagen aber noch einige unscheinbare Uhrwerke herum, die der
Meister wieder beleben konnte. Um den Handel mit Chronometern anzuschieben -
inzwischen war nämlich aufgrund des allgemeinen Uhrenklaus den Deutschen das
Zeitgefühl weitgehend abhanden gekommen - fand sich ein Maler als Kompagnon,
der aus Holztafeln Zifferblätter zauberte. Dieses Phänomen gelangte auch in die
O(U)hren der russischen Garnison: „Uri,
Uri kaputt …!“, na prima, ab sofort hatte der verkappte Küster russische
Kunden zu bedienen, die deutsche Uhren reihenweise falsch betrieben hatten. Schließlich
kamen auch deutsche Kunden recht zahlreich. Ihnen ging es um die Wertschätzung
von Uhren, Schmuck, Gold, …denn der Schwarzhandel blühte auf. Einen besseren
Job konnte man sich also in diesen Monaten gar nicht vorstellen.
Leider verkümmerte dafür das Küsteramt zusehends, weil die Gläubigen Zug um Zug
(im wahrsten Sinne des Wortes) vertrieben wurden bzw., was vor allem die vielen
Böhmischstämmigen betrifft, freiwillig das Weite suchten. Rudolf Utikal hätte
sich übrigens dem Transport nach Tschechien im November 1945 auch gern
angeschlossen, doch sein Frau wollte das nicht. Sie hat freilich die Lage
vielleicht insofern unterschätzt, als mit dem massiven Rückgang der Bevölkerung
bis Anfang 1947 die Kunden in Laden und Werkstatt praktisch ausblieben, zumal
der russische Anteil ebenfalls bereits im November 1945 abgeschrieben werden
musste.
So mussten Rudolf Utikal und seine Familie das bäuerliche Blut in ihren Adern wieder
entdecken. Es gediehen bald wieder die Lebensmittel in ihrem Biogarten auf der
anderen Straßenseite, und man züchtete sogar Bienen im Wald bei Eichwald, wo es
- typisch für die böhmischen Dörfer - selbstverständlich Verwandte gab. Zusätzlich
betätigte sich Rudolf Utikal als Vermieter, indem er zwei Diakonissen beherbergte,
denn ihr Strehlener Hospital wurde im Krieg zerstört. Nun müssen wir aber
endlich die Polen erwähnen. Sie kamen ja schicksalhaft über das schlesische
Land, und sie waren es schließlich, die die Transportmittel für den Exodus der
deutschen Population besorgten. So tauchte auch bei Utikal´s eine polnische
Familie auf, die plötzlich den Erdgeschoss-Bereich, teilweise mit Inventar, für
sich beanspruchte. Damit war es vorbei mit den Mieteinnahmen, und man näherte
sich jetzt allmählich der ursprünglichen Bettelarmut der polnischen
Hausbesetzer. Der Laden war aus gleichem Grund ohnehin überflüssig, aber die
Werkstatt! Die musste ins Obergeschoss verlegt werden. Komisch, es gab aber leider
kaum polnische Kunden. Ob die es besser verstanden, mit deutschen Uhrwerken
umzugehen?
Derweilen reifte nun endgültig die Zeit einer Änderung auch im Leben der
Küster-Familie Utikal. Es schlug jetzt freilich sogar die allerletzte Stunde
der deutschen Küster von St. Marien!
Die Aufforderung kam abends im Juli 1945,
und man hatte früh um 7.00 Uhr am Bahnhof zu sein.
Also schon wieder packen und entscheiden, was man wie mit nimmt.
Rucksäcke, ein improvisiertes Handwägelchen, Verstecke in Kleidern …
alles mit großen Sorgen ob der brutal-berüchtigten polnischen „Körperscanner“.
Und nun auch noch die Abendmahls-Heiligtümer:
Auf den sperrigen Kelch musste verzichtet werden - der kam
übrigens trotzdem bis heute in die Hände der
deutsch-polnisch-böhmischen Restgemeinde -
doch der silberne Teller, siehe Bild 3!
Nicht zu fassen,
der wurde kurzerhand mit Kerzenruß geschwärzt und ging sogar mit auf Reisen.

Bild 3: Der alte originale Hauptschlüssel der
Marien-Kirche liegt hier auf dem silbernen Teller, auf dem das
Brot
beim Heiligen Abendmahl in Hussinetz 250 Jahre lang nach hussitischer
Überlieferung gereicht
worden
ist. Der Teller (und der zugehörige Kelch, der noch immer von der dahin
schmelzenden,
böhmisch
geprägten Religionsgemeinschaft in Polen genutzt wird) trägt die eingravierte
Inschrift „H. C.
Erb.
Printz v. Carolath-Beuthen“, die an dieses um 1755 von Friedrich dem Großen
angeregte edle
Geschenk
der schlesischen Fürsten-Familie von Carolath-Beuthen an die Hussinetzer Kirche
erinnert.
Ein befreundeter polnischer Bürger versprach übrigens, den Utikal´s behilflich
zu sein, um der Kontrolle zu entgehen, aber im entscheidenden Moment war er natürlich
nicht da. So bekam Rudolf Utikal den dumpfen Eindruck, dass man sich auf
polnische Versprechungen nicht verlassen konnte.
Jedenfalls erfolgte dann doch die entwürdigende Kontrolle am langen Tisch,
sprich, alles auspacken:
„Zapp-Zarapp“,
weg war die geliebte Lederjacke.
Genau deshalb hat der entmachtete
letzte Küster von Hussinetz noch „jahrelang
gejammert“,
… und er lehnte es zeitlebens ab, noch einmal sein Schlesien zu sehen.
Trotzdem,
Ankunft in Breslau,
dem letzten Stück Heimaterde.
Dann vierzehn Tage (!) Ungewissheit.
Schließlich 30 Personen in einen Güterwaggon!
Oft lange und ohne Versorgung auf freier Strecke gestanden.
Versorgung? Nur das, was die Rucksäcke nun schon seit über
zwei Wochen hergaben. Trinken? Auf Bahnhöfen schon, aber
Selbstversorgung, immer in Angst, dass der Zug inzwischen abfährt.
Wiederum trotzdem, oder gerade wegen
Aufsichtsmangels, drei Landser in Zivil wurden im Waggon versteckt und
somit über die Grenze
gebracht, wo sie aus dem fahrenden Zug sprangen. Sie mussten also nicht
auch noch eine Woche Hoyerswerda über sich ergehen lassen. Die
erste Entlausung noch in Polen, nun hier auf deutschem Boden die zweite.
Aber hier fand ein Wunder statt: Eine Anforderung!
Uhrmacher Pietsch aus Radeburg suchte …
einen Uhrmacher - Viel, viel Arbeit!
Dazu spätes Glücksgefühl, denn beide Töchter wurden …
... Uhrmacher.

Bild 4: Die beiden Uhren haben die jung vermählten
Eltern des Autors vor dem 2. Weltkrieg im Laden des
Uhrmachers
Rudolf Utikal erworben. Bei der Vertreibung im Jahr 1950 aus Schlesien
gelangten sie
unversehrt
nach Sachsen, wo sie im Hause des Autors nach etlichen Reparaturen noch immer
ihren
Dienst
tun.
Die eine, Ilse Utikal, machte sich gemeinsam mit dem Vater sogar selbstständig.
Sie reparierte die kleinen, moderneren Uhren, er die großen. (So kam es in den
50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bei ihm zur Begegnung mit dem Autor
wegen der Reparatur eines Regulators, siehe Bild 4, den einst der Vater des
Autors bei Rudolf Utikal in Hussinetz gekauft hatte. Alle zusammen waren ja nun
in Sachsen eingebürgert, die einen in Radeburg, die anderen in Weinböhla.)
Die Schwester Rosel ging übrigens zunächst beim Pietsch in Lehre und arbeitete
dort. Dann wurde sie mangels Arbeit entlassen. Wie es das Schicksal so will,
Fiebig, der andere Uhrmacher von Radeburg hatte Arbeit für sie, und so lernte
sie im Hause Schleinitz ihren Mann kennen. Mitten im klassischen deutschen „Uhrmacher-Optiker-Krieg“
gab dann der Meister Pietsch ganz auf. So kam es durch Vermittlung des
Bürgermeisters dazu, dass Ilse sogar dessen Werkstatt und Laden übernahm. Rudolf
Utikal arbeitete dort bis zum 80. Lebensjahr und hat - bis dass seine eigene
Uhr am 8. August 1989 abgelaufen ist - seiner selbständigen Tochter ausgeholfen.
Nun ist der letzte deutsche Küster von St. Marien ganz und gar unspektakulär
von uns gegangen. Er hat aber immer seiner kleinen Kirche nachgetrauert, doch -
wie gesagt - nach seiner Heimat Schlesien wollte er niemals wieder zurück.
Jetzt endlich kommen wir daher zurück zum Schatz in der Marienkirche und zu
allen den Heimlichkeiten, die sich nun einmal um einen solchen ranken: Deutschland
brauchte Geld, viel Geld für Waffenkäufe. Daher wurde doch das Staatsgold für
die Bevölkerung erst einmal aus dem Verkehr gezogen. „Gold gab ich für Eisen“ mag die Devise gewesen sein als sich fortan
junge Leute beim Uhrmacher Eheringe aus Stahl bestellten. Somit kannte Rudolf
Utikal in den fortgeschrittenen Kriegsjahren in Laden und Werkstatt eigentlich
nur noch Silber und alle anderen halbwegs brauchbaren Elemente des
Periodensystems, außer … Gold. In der Endphase - Strehlen stand schon unter
Beschuss und die Bevölkerung wurde evakuiert - mussten die Hausschlüssel an die
Wehrmacht und an den Volkssturm übergeben werden. Ab sofort hatte der Meister
im eigenen Revier keine Übersicht mehr, zumal er selbst auch eingezogen worden
ist. Fest steht aber, dass sich deutsche (!) Schatzsucher einfanden, denn das verlassene
Betätigungsfeld eines Uhrmachers und Optikers - damals waren beide Branchen,
wie gesagt, traditionell noch in einer Hand - versprach und lieferte (gemäß
Bestandsanalyse nach dem Krieg) auf jeden Fall Beute. Bei dieser Gelegenheit
dürfte so manches auch nur vergoldetes Teil abhanden gekommen sein. Dann hatten
sich doch die Russen ab dem 26. März 1945 und schließlich die Polen ab
Kriegsende an den Uhren sowie selbst den minderwertigen Schmuckstücken im
Geschäft so schamlos bedient, und nun stand einem auch noch diese polnische
Kontrolle am Tag der Vertreibung bevor? Nein, Rudolf Utikal hatte keine Nerven
mehr. Er raffte in der nächtlichen Stunde Null alles zusammen, was ihm in
seiner Not geblieben war und noch wertvoll erschien - Vielleicht kam man doch
einmal zurück? - und schlich, selbst von der Familie unbemerkt, zunächst auf
die Orgelempore. Dort wurde unter einem Brett ein erstes Depot angelegt:
Brillenbügel, Manschetten-Knöpfe, Ohrringe, Ketten (fast alles dublettisch,
bitte schön!). Dann kletterte Rudolf zudem mit einer Leiter durch eine Luke auf
den Oberboden der Kirche. Dort gab es eine Mauerritze, „wo die Eule immer rausguckte“. Ihrem Schutz wurde nun die Puppe (!)
der ältesten Tochter und ein Batzen Silbergeld anvertraut…
Zwei Schatzkammern barg die Marien-Kirche nun in ihren uralten Mauern.
Das hat Rudolf Utikal seiner Jüngsten erst in Radeburg anvertraut. Seit diesem
Augenblick bemächtigte sich des jungen Mädchens allerdings die typische Unruhe
eines Schatz-Geheimnisträgers. Insofern ist es nur zu verständlich, dass Ilse
Utikal schon im Jahr 1950 als vermutlich erste Erinnerungstouristin nach Strzelin/Gesiniec
(Strehlen/Hussinetz) aufbrach. Gemeinsam mit dem „alten Pultar“, der ja das Häuflein der in Gesiniec (Hussinetz/Friedrichstein)
und Gosciecice (Podiebrad/Mehltheuer) verbliebenen „Bimschen“ bis zu seinem Tode zusammen hielt, drang man heimlich in
die Kirche ein … um die „Schätze“ zu heben. Es blieb aber nur bei dem ersten
Depot, also dem Brett auf der Empore. Der nun wirklich echte Schatz war jedoch
für die beiden leider nicht erreichbar. Es fehlte die Leiter. Somit ist wohl das
Silber von den Ersparnissen eines protestantischen Erdenbürgers aus glücklichen
Dienstjahren den katholischen polnischen Bauarbeitern zugefallen, als diese bei
der Sanierung der Marienkirche an jener Stelle über dem Heizkeller Hand
anlegten. Bei dieser Gelegenheit wurde übrigens auch alles alte Efeu vom
Bauwerk beseitigt …
Bild 5: Dieses Efeu-Blatt
von der Marien-Kirche zu Hussinetz ist im geretteten böhmischen Katechismus
(Druck:
Emila Heinze, 1884) der Familie Utikal
präpariert worden und mit diesem der Nachwelt
erhalten
geblieben.
F.M.
18.05.2010